95 Jahre – Aber Immer Noch fit

Ich behaup­te ein­mal, dass die meis­ten von uns eine ziem­lich genaue Vor­stel­lung von dem haben, was wäh­rend des Nazi-Regimes in Deutsch­land und anders­wo im Ein­fluss­be­reich des Deut­schen Rei­ches pas­siert ist.

Selbst dann, wenn die Ver­bre­chen wäh­rend mei­ner Schul­zeit kaum eine Rol­le im Geschichts­un­ter­richt spiel­ten, bei der media­len Dar­stel­lung des Grau­en im Drit­ten Rei­ches wur­de kaum was ausgespart.

Der Sinn für die Ver­ant­wor­tung, die ein Volk für die Taten sei­ner Füh­rung hat, spielt in der Dar­stel­lung der vie­len grau­en­haf­ten, vor allem jedoch medi­en­taug­li­chen Ver­bre­chen, häu­fig nur eine Nebenrolle.

Viel­leicht konn­ten sich des­halb zu vie­le der Ver­ant­wort­li­chen im Nach­kriegs­deutsch­land einen schlan­ken Fuß machen. Man hat eben „nichts davon gewusst“.

Heu­te spre­chen immer alle vom Nazi-Deutsch­land. Ganz so, als ob es sich um ein ganz ande­res, unter­ge­gan­ge­nes Land han­de­le. Nein! Es war das Land unse­rer Väter und Großväter!

Ich emp­fin­de es als unbe­dingt not­wen­dig, dass gera­de wir Deut­schen uns immer wie­der neu mit dem Grau­en der Jah­re zwi­schen 1933 und 1945 beschäf­ti­gen. Dafür brau­che ich kei­ne aktu­el­len poli­ti­schen Bezü­ge. Es geht mir nicht um ein Schuld­be­wusst­sein oder eine Selbstkasteiung.

Ich fin­de es wich­tig, dass wir uns dar­an erin­nern, dass es unse­re Väter, Groß­vä­ter, Müt­ter und Groß­müt­ter waren, in deren Name mil­lio­nen­fa­cher Mord und schreck­li­che Ver­bre­chen an unschul­di­gen Men­schen began­gen wur­den. Unse­re Vor­fah­ren haben eine wenigs­tens indi­rek­te Ver­ant­wor­tung für das unvor­stell­ba­re Leid, das ande­ren Men­schen ange­tan wurde.

Es ist beque­mer dazu auf­zu­ru­fen, die­se Zei­ten hin­ter sich zu las­sen, als sich mit die­sem Grau­en immer wie­der aus­ein­an­der­zu­set­zen. „Irgend­wann ist auch mal gut“ oder was man an Aus­re­den so alles zu hören kriegt.  Vie­le möch­ten sich nicht (mehr) mit die­sem Teil der deut­schen Geschich­te beschäf­ti­gen. Man­che bekla­gen einen angeb­li­chen „Schuld­kom­plex“, den die Deut­schen able­gen solle.

Hof­fent­lich tun wir das nicht! Hof­fent­lich hal­ten wir unse­re Erin­ne­rung wach. Die Zeit­zeu­gen ster­ben all­mäh­lich aus, und es wird bald so sein, dass nur noch „Geschichts­kon­ser­ven“, also Bücher, Fil­me, Thea­ter­stü­cke oder initi­ier­te Erin­ne­rungs­pro­jek­te uns an die­se Zeit erin­nern werden.

***

Ges­tern Abend lief in der ARD das Maga­zin „Kon­tras­te“.

Der zwei­te Bei­trag des Abends han­del­te von dem The­ma „Mord ver­jährt nie!“. Bei­hil­fe zum Mord übri­gens auch nicht. Das war das Ergeb­nis einer Debat­te im Deut­schen Bun­des­tag, die 1965 im Zusam­men­hang mit der Ver­jäh­rung von Ver­bre­chen wäh­rend der Nazi-Zeit geführt wur­de. Bis dahin galt für Mord eine Ver­jäh­rungs­zeit von 20 Jahren.


(Bei­trag ab Minu­te 7:12)

Die Redak­ti­on von „Kon­tras­te“ über­nahm nach mei­nem Dafür­hal­ten im Fal­le zwei­er noch leben­der Män­ner im Alter von 94 und 95 Jah­ren die ihr nicht zuste­hen­de gleich­zei­ti­ge Rol­le als Anklä­ger und Rich­ter.

Kon­tras­te“ wur­den von der Simon-Wie­sen­thal-Stif­tung Bele­ge zuge­spielt, nach denen bei­de Män­ner an Mas­sen­mor­den an Juden in der Ukrai­ne Anfang der 1940er Jah­re betei­ligt gewe­sen sein sollen.

Bereits 2014 wur­den die­se Unter­la­gen an Bun­des­jus­tiz­mi­nis­ter Maas gesandt, der sie an die zustän­di­ge Stel­le (Zen­tra­le Stel­le für Nazi­ver­bre­chen) wei­ter­lei­te­te. Der Ver­ant­wort­li­che erklär­te „Kon­tras­te“, dass die not­wen­di­gen Recher­chen für die unter­be­setz­te Stel­le zu auf­wän­dig sei­en. Das ist schlimm. Aber es ist hier nicht mein Thema!

Benach­rich­ti­gung des Simon-Wiesenthal-Institutes

Mit die­ser Aus­sa­ge kon­fron­tier­ten die Jour­na­lis­ten von „Kon­tras­te“ meh­re­re Leu­te (u.a. Joscha Fischer und den Vor­sit­zen­den der Simon-Wie­sen­thal-Sti­fung). Sie haben sich erwar­tungs­ge­mäß empört über die Untä­tig­keit der deut­schen Behör­den.

Ich fin­de ja, unse­re Medi­en hät­ten sich viel frü­her für die Ahnung von Nazi-Ver­bre­chen ein­set­zen sol­len. Wor­an liegt es eigent­lich, dass in die­ser Hin­sicht so ver­gleichs­wei­se wenig pas­siert ist? Oder soll­te ich etwa einer selek­ti­ven Wahr­neh­mung auf­sit­zen? Die deut­sche Jus­tiz hat sich bei der Auf­klä­rung von Ver­bre­chen wäh­rend der Nazi-Zeit seit 1945 zurück­ge­hal­ten und ist dafür zu recht kri­ti­siert worden.

Selbst die Reha­bi­li­ta­ti­on von Men­schen, die wäh­rend des Nazi-Regimes zu unrecht ver­ur­teilt wur­den, blieb lan­ge aus. Warum?

Spä­te Rehabilitierung

Ein jun­ger Mann hat­te auf­be­geh­ren wol­len, hat­te sei­nen Mund geöff­net und pro­tes­tiert. Doch da er Dienst in der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Wehr­macht tat und ihn ein Vor­ge­setz­ter hör­te, wur­de er wegen Wehr­kraft­zer­set­zung ver­ur­teilt. Fast 50 Jah­re lang galt der inzwi­schen längst pen­sio­nier­te Herr als vor­be­straft, nun ist das Urteil gegen ihn auf­ge­ho­ben wor­den. Pau­schal, weil die Mili­tär­jus­tiz im Natio­nal­so­zia­lis­mus einem men­schen­ver­ach­ten­den Régime unter­ge­ord­net war.
Haben wir einen Grund, auf die­se Auf­he­bung stolz zu sein?Quel­le: Jus­tiz im Drit­ten Reich | bpb | LINK

 

Wenn im Maga­zin „Kon­tras­te“ dar­über geklagt wird, dass die deut­schen Behör­den, ein­schließ­lich der Jus­tiz den vom Simon-Wie­sen­thal-Insti­tut recher­chier­ten Fäl­len nicht nach­ge­gan­gen ist, muss man den Ver­ant­wort­li­chen nicht eigent­lich dank­bar dafür sein, dass sie die bei­den Män­ner, die bis­her weder ange­klagt noch ver­ur­teilt wor­den sind, in die Öffent­lich­keit zer­ren und die­se vor lau­fen­den Kame­ras schreck­lichs­ter Ver­bre­chen bezichtigt?

Seit die infra­ge ste­hen­den Ver­bre­chen pas­sier­ten, sind fast 80 Jah­re vergangen.

Die Jour­na­lis­ten von „Kon­tras­te“ kon­fron­tier­ten die bei­den alten, völ­lig unvor­be­rei­te­ten Män­ner. Bei­de waren über län­ge­re Zeit aus­führ­lich im Bild zu sehen. Ich bestrei­te vehe­ment, dass dies die rich­ti­ge Art ist, damit umzugehen.

Das Haus eines Beschuldigten

Ich hal­te das Vor­ge­hen der Ver­ant­wort­li­chen von „Kon­tras­te“ für ganz abscheu­lich. Ob dies mit dem Ver­hal­tens­ko­dex für Jour­na­lis­ten über­haupt im Ein­klang steht? Wahr­schein­lich ist es sogar so, dass die­sen Leu­ten das Vor­ge­hen als inves­ti­ga­ti­ve Leis­tung posi­tiv ange­rech­net wird.

Ich ken­ne die Debat­ten über die Bestra­fung von Kriegs­ver­bre­chern, die erst Jahr­zehn­ten stattfindet.

Per­sön­lich kann ich mich mit die­ser Recht­spre­chung aus irgend­ei­nem Grund nicht arran­gie­ren. Das ist nicht zuletzt des­halb selt­sam, weil ich mir schon bewusst bin, wie vie­le Men­schen, die schwe­re Ver­ant­wor­tung auf sich gela­den haben, bis­her nicht bestraft wurden.

Mir ist klar, dass vie­le mei­ne Hal­tung nicht tei­len. Das liegt schon allein dar­an, dass die Geset­zes­la­ge in die­ser Bezie­hung gegen mei­ne Hal­tung spricht und die viel zu spä­ten Stra­fen für Men­schen die­ses Alters wegen der Schwe­re der Ver­bre­chen trotz­dem akzep­tiert sind.

Ich kann mich beim bes­ten Wil­len nicht in die Lage der Opfer ver­set­zen, wenn sie die Bestra­fung von uralten Män­nern for­dern und nur dar­in ihre Genug­tu­ung fin­den. Es ist ein­fach zu spät.

Horst Schulte

2004 bin ich (63) unter die Blogger gegangen. Es sind nur wenige Jahre vergangen. Trotzdem bin ich in diesem Geschäft ein alter Hase.

Ich schreibe über gesellschaftliche und politische Themen. Hin und wieder gibt es bei 2bier auch was zum Thema Bloggen und Wordpress zu lesen.

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