Gesellschaft

Bei Spuren von Digitalisierung fragen sie ihren Abgeordneten Augen zu und durch?

  • Lesezeit: 5 Minuten

Wahrscheinlich ist es gut, wenn sich Philosophen wie Richard David Precht mit als erste aufkommenden gesellschaftlichen Veränderungen wie der Digitalisierung so intensiv widmen.

Und zum Glück ist es so, dass auch Wirtschaftswissenschaftler das Thema aufgegriffen haben, ebenso wie Politiker. Der Furor mit dem Precht das Thema angegangen ist, beunruhigt mich nämlich zusätzlich.

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Panisch und gelassen

Ich schwanke ein bisschen zwischen aufkommender Panik und einer für meine Verhältnisse erstaunlichen aber auch etwas unterentwickelten Gelassenheit. Letztere könnte damit zu tun haben, dass ich meine Berufstätigkeit hinter mir habe. Dennoch! Wer möchte schon sehenden Auges die vierte industrielle Revolution kommen sehen, ohne gedanklich auch nur im mindesten auf die gesellschaftlichen Auswirkungen vorbereitet zu sein? Also höre ich hin, was die Damen und Herren Experten zum Thema zu sagen haben.

Eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema gab es hier bei 2bier bisher nicht. Immerhin habe ich schon mal was von der begonnenen neuen Zeitrechnung gehört und bin – Ehrensache für einen Linken – voller Skepsis.

Prechts Kritik an der Politik, die sich seiner Meinung nach mit dem Thema bisher kaum auseinandergesetzt hat, teile ich bedingt. Ich habe Verständnis für die Zurückhaltung, weil der richtige Zeitpunkt für eine politische Debatte womöglich verfrüht sein könnte. Das war jetzt ironisch gemeint.

Politik und Digitalisierung

Die FDP hat sich mit dem Thema Digitalisierung auseinandergesetzt. Es existiert ein zwanzig Seiten starker Parteitagsbeschluss zum Thema, die ich noch nicht fertig durchgearbeitet habe.

Wenn dieses Papier das »Konzept für die Digitalisierung« ist, für das die FDP in den Medien gelobt wurde, ist sie meiner Einschätzung nach allerdings auch noch nicht viel weiter als die anderen. Vielleicht kennt jemand von Ihnen weitere Konzepte oder Papiere von anderen Parteien oder hat zu den folgenden Informationen eine eigene Meinung? Die würde mich sehr interessieren!

SPD: Unsere Zukunft in der digitalen Gesellschaft | Quelle
CDU/CSU: Suchergebnis: Digitalisierung | Christlich Demokratische Union Deutschlands | Quelle
Grüne: Chancen der Digitalisierung nutzen – Offener Staat und lebendige Demokratie | Quelle
Linke: Suchergebnis: DIE LINKE: Digitalisierung | Quelle
AfD: Leider nichts gefunden.


Rechtzeitig denken und planen

Wenn Precht all die Facetten der Veränderungen im Positiven wie im Negativen darlegt, kommt mir unwillkürlich der CDU – Politiker Kurt Biedenkopf in den Sinn, der bereits in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre die sich abzeichnende Bevölkerungsentwicklung in Deutschland mit ihren negativen Wirkungen auf unsere Sozialsysteme thematisiert hat.

Die Parallele ist interessant, denn – vorausgesetzt, der politische Wille dafür wäre vorhanden gewesen – hätten wir genügend Zeit zur Verfügung gehabt, tragfähige Kompromisse für notwendige Anpassungen zu finden. So leben wir damit, dass viele Bürger ihr Vertrauen in die Gestaltungskraft der Politik verloren haben, weil zwar jede Menge Reförmchen stattfanden aber keine wirklich Reform. Ein Vorwurf, der immer wieder erhoben wird.

Tipp:  Gefühlte Realität - die Domäne der Rechten

Digitalisierung und Beruf

Es gibt Berufe, die sich im Lauf der letzten Jahrzehnte stark verändert haben oder die ganz verschwunden sind. Aber natürlich beschränkt sich das, was wir unter dem Begriff Digitalisierung kennen, nicht nur auf die Inhalte unserer Jobs, auf die Einteilung unserer Arbeitszeit oder die Gestaltung der Arbeitsplätze. Nach manchen Prognosen sollen in viele Branchen massive Arbeitsplatzverluste mit der Digitalisierung verbunden sein. Es werden teilweise so konkrete Angaben gemacht, dass ich mich frage, durch welche Glaskugel Leute wie Precht in die Lage gesetzt wurden, derart konkrete und erschreckende Bilder zu zeichnen. Prognosen sollen doch deshalb so schwierig sein, weil sie i.d.R. die Zukunft betreffen, nicht wahr?

Weltuntergang durch Digitalisierung?

Auf der anderen Seite sehe ich einen technischen Fortschritt, der Dystopien durchaus beflügeln kann. Schließlich leben wir im fortschrittsfreundlichen Deutschland

Nur ein Beispiel wären die selbstfahrenden Autos.

Oder — was passiert hier, wenn mehr und mehr Autos ohne Verbrennungsmotoren nachgefragt werden, und wir wissen, dass dafür nur noch ein Bruchteil der heute eingesetzten Personalkapazitäten erforderlich sind? Wir reden allein bei diesem Beispiel über Millionen von Arbeitsplätzen – hier bei uns!

Wir haben erlebt, wie schwer es Nordrhein-Westfalen fällt, das zu gestalten, was wir einen »Strukturwandel« nennen. Er ist trotz der Jahrzehnte, die ins Land gegangen sind, nur in Teilen gelungen bzw. immer noch im Gange. Welche Chancen auf einen erfolgreich gestalteten Wandel haben wir, wenn wir an die Digitalisierung denken? Wie ist die Ausgangslage? Wie gut sind oder werden Infrastruktur, Bildung und Wissenschaft vorbereitet? Oder anders gefragt: wie viel schwieriger dürfte es im Vergleich zum NRW-Strukturwandel werden, die notwendigen Anpassungen und Veränderungen erfolgreich zu managen?


Auswirkungen der Digitalisierung, die heute sichtbar sind

Wieso stehen so viele Geschäfte leer? Hier auf dem Land fällt mir das in zunehmendem Maße auf. Bedburg, Bergheim, Grevenbroich. Überall zeigen sich erschreckende Lücken in den Einkaufsstraßen. Viele Geschäfte, die in früher in den kleinen Einkaufszentren aktiv waren, haben aufgegeben. Die Lücken führen an manchen Stellen dazu, dass weitere Geschäfte (Gastronomie) Probleme bekommen. Nur in bescheidenem Maße werden die Flächen neu vermietet. Oft bleiben sie über einen längeren Zeitraum leer.

Bestimmt fragen sich die lokal verantwortlichen Politiker aller Parteien, welche Maßnahmen gegen solche Entwicklungen helfen könnten. Niedrigere Mieten vielleicht, ein attraktiveres Umfeld?

Ich fürchte, wir sehen an solchen Beispielen, dass die Digitalisierung längst in einer Weise Wirkung zeigt, die bereits einen Eindruck von der Dimension vermittelt, mit der wir es zu tun bekommen.

Tipp:  Wir unterstützen unser Land und unseren Präsidenten! 

Kürzlich las ich, dass die Aktionäre, die zu Beginn der 2000er Jahre Amazon-Aktionen für 2000 $ gekauft hätten, heute Millionäre wären.

Amazon wird jetzt auch in den Lebensmittelhandel einstiegen. Wie schön! Dieses sympathische kleine Familienunternehmen (im Verhältnis zum chinesischen Pendant ist es das) macht inzwischen 2016: 14,15 Mrd. US$ Umsatz (2015: 11,8 Mrd. US$). Weltweit liegt der Amazon – Umsatz mit 136 Mrd. US$ etwas unter dem Umsatz von Alibaba (China). Diese Firma hat in 2014 ca. 250 Mrd. US$ Umsatz erzielt. Wenn es gut läuft, macht Alibaba in 5 Minuten 1 Mrd. US$ Umsatz. Das sind Dimensionen, die wir uns in Deutschland nicht vorstellen können. Der größte deutsche Versender (Otto) erzielte im letzten Jahr weltweit einen Umsatz von 12,5 Mrd. Euro.

Wenn ich lesen muss, dass ein bekanntes Spielzeugfachgeschäft in unserer Gegend nach ca. 70 Jahren schließt, wird das bestimmt nicht nur mich traurig machen. Die Geschäftsführung nannte als Grund für die Geschäftsaufgabe, dass »die Leute« sich im Geschäft beraten ließen und dann im Internet bestellen würden. Das ist kein neues Phänomen und an die Fairness der Menschen zu appellieren wäre schlicht lächerlich. Wir sind schließlich nicht blöd!

So gehen sie dahin, die Fachhändler. Die Ketten halten sich noch etwas länger, weil deren Geschäftsmodelle ein wenig mehr Spielräume bieten. Wohl in jeder Hinsicht, denke ich.


Zukunft und Digitalisierung

Die wenigsten wären bereit, auf Amazon oder die Dienstleistungen anderer Internetgiganten zu verzichten, die mit dazu beitragen, dass sich unsere Welt so rapide verändert. Ich auch nicht.

Solange die eigene Existenz nicht bedroht ist und solange alles prompt und zuverlässig geliefert wird, besteht für Nachdenklichkeit kein Anlass.

Noch sind es nur Gedanken, die eine Idee von dem geben, was in den nächsten 2 Jahrzehnten über uns hinwegrollen könnte. Erfahrungsgemäß dürfte keiner diesen Zug langsamer machen oder stoppen können. Uns bleibt uns wie den Generationen vor uns nichts weiter übrig, als uns darauf einzustellen, uns anzupassen und darauf zu hoffen, dass »die Politik« es schon richten wird. Wer glaubt heute noch an sowas?

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