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Wahr­schein­lich ist es gut, wenn sich Phi­lo­so­phen wie Richard David Precht mit als ers­te auf­kom­men­den gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen wie der Digi­ta­li­sie­rung so inten­siv widmen.

Und zum Glück ist es so, dass auch Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler das The­ma auf­ge­grif­fen haben, eben­so wie Poli­ti­ker. Der Furor mit dem Precht das The­ma ange­gan­gen ist, beun­ru­higt mich näm­lich zusätzlich.

 

Panisch und gelassen

Ich schwan­ke ein biss­chen zwi­schen auf­kom­men­der Panik und einer für mei­ne Ver­hält­nis­se erstaun­li­chen aber auch etwas unter­ent­wi­ckel­ten Gelas­sen­heit. Letz­te­re könn­te damit zu tun haben, dass ich mei­ne Berufs­tä­tig­keit hin­ter mir habe. Den­noch! Wer möch­te schon sehen­den Auges die vier­te indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on kom­men sehen, ohne gedank­lich auch nur im min­des­ten auf die gesell­schaft­li­chen Aus­wir­kun­gen vor­be­rei­tet zu sein? Also höre ich hin, was die Damen und Her­ren Exper­ten zum The­ma zu sagen haben.

Eine inten­si­ve Aus­ein­an­der­set­zung mit dem The­ma gab es hier bei 2bier bis­her nicht. Immer­hin habe ich schon mal was von der begon­ne­nen neu­en Zeit­rech­nung gehört und bin – Ehren­sa­che für einen Lin­ken – vol­ler Skepsis.

Prechts Kri­tik an der Poli­tik, die sich sei­ner Mei­nung nach mit dem The­ma bis­her kaum aus­ein­an­der­ge­setzt hat, tei­le ich bedingt. Ich habe Ver­ständ­nis für die Zurück­hal­tung, weil der rich­ti­ge Zeit­punkt für eine poli­ti­sche Debat­te womög­lich ver­früht sein könn­te. Das war jetzt iro­nisch gemeint.

Politik und Digitalisierung

Die FDP hat sich mit dem The­ma Digi­ta­li­sie­rung aus­ein­an­der­ge­setzt. Es exis­tiert ein zwan­zig Sei­ten star­ker Par­tei­tags­be­schluss zum The­ma, die ich noch nicht fer­tig durch­ge­ar­bei­tet habe.

Wenn die­ses Papier das „Kon­zept für die Digi­ta­li­sie­rung“ ist, für das die FDP in den Medi­en gelobt wur­de, ist sie mei­ner Ein­schät­zung nach aller­dings auch noch nicht viel wei­ter als die ande­ren. Viel­leicht kennt jemand von Ihnen wei­te­re Kon­zep­te oder Papie­re von ande­ren Par­tei­en oder hat zu den fol­gen­den Infor­ma­tio­nen eine eige­ne Mei­nung? Die wür­de mich sehr interessieren!

SPD: Unse­re Zukunft in der digi­ta­len Gesell­schaft | Quel­le
CDU/CSUSuch­ergeb­nis: Digi­ta­li­sie­rung | Christ­lich Demo­kra­ti­sche Uni­on Deutsch­lands | Quel­le
Grü­ne: Chan­cen der Digi­ta­li­sie­rung nut­zen – Offe­ner Staat und leben­di­ge Demo­kra­tie | Quel­le
Lin­ke: Such­ergeb­nis: DIE LINKE: Digi­ta­li­sie­rung | Quel­le
AfD: Lei­der nichts gefunden.


Rechtzeitig denken und planen

Wenn Precht all die Facet­ten der Ver­än­de­run­gen im Posi­ti­ven wie im Nega­ti­ven dar­legt, kommt mir unwill­kür­lich der CDU – Poli­ti­ker Kurt Bie­den­kopf in den Sinn, der bereits in der zwei­ten Hälf­te der 1970er Jah­re die sich abzeich­nen­de Bevöl­ke­rungs­ent­wick­lung in Deutsch­land mit ihren nega­ti­ven Wir­kun­gen auf unse­re Sozi­al­sys­te­me the­ma­ti­siert hat.

Die Par­al­le­le ist inter­es­sant, denn – vor­aus­ge­setzt, der poli­ti­sche Wil­le dafür wäre vor­han­den gewe­sen – hät­ten wir genü­gend Zeit zur Ver­fü­gung gehabt, trag­fä­hi­ge Kom­pro­mis­se für not­wen­di­ge Anpas­sun­gen zu fin­den. So leben wir damit, dass vie­le Bür­ger ihr Ver­trau­en in die Gestal­tungs­kraft der Poli­tik ver­lo­ren haben, weil zwar jede Men­ge Reförm­chen statt­fan­den aber kei­ne wirk­lich Reform. Ein Vor­wurf, der immer wie­der erho­ben wird.

Digitalisierung und Beruf

Es gibt Beru­fe, die sich im Lauf der letz­ten Jahr­zehn­te stark ver­än­dert haben oder die ganz ver­schwun­den sind. Aber natür­lich beschränkt sich das, was wir unter dem Begriff Digi­ta­li­sie­rung ken­nen, nicht nur auf die Inhal­te unse­rer Jobs, auf die Ein­tei­lung unse­rer Arbeits­zeit oder die Gestal­tung der Arbeits­plät­ze. Nach man­chen Pro­gno­sen sol­len in vie­le Bran­chen mas­si­ve Arbeits­platz­ver­lus­te mit der Digi­ta­li­sie­rung ver­bun­den sein. Es wer­den teil­wei­se so kon­kre­te Anga­ben gemacht, dass ich mich fra­ge, durch wel­che Glas­ku­gel Leu­te wie Precht in die Lage gesetzt wur­den, der­art kon­kre­te und erschre­cken­de Bil­der zu zeich­nen. Pro­gno­sen sol­len doch des­halb so schwie­rig sein, weil sie i.d.R. die Zukunft betref­fen, nicht wahr?

Weltuntergang durch Digitalisierung?

Auf der ande­ren Sei­te sehe ich einen tech­ni­schen Fort­schritt, der Dys­to­pi­en durch­aus beflü­geln kann. Schließ­lich leben wir im fort­schritts­freund­li­chen Deutschland 🙂

Nur ein Bei­spiel wären die selbst­fah­ren­den Autos.

Oder — was pas­siert hier, wenn mehr und mehr Autos ohne Ver­bren­nungs­mo­to­ren nach­ge­fragt wer­den, und wir wis­sen, dass dafür nur noch ein Bruch­teil der heu­te ein­ge­setz­ten Per­so­nal­ka­pa­zi­tä­ten erfor­der­lich sind? Wir reden allein bei die­sem Bei­spiel über Mil­lio­nen von Arbeits­plät­zen – hier bei uns!

Wir haben erlebt, wie schwer es Nord­rhein-West­fa­len fällt, das zu gestal­ten, was wir einen „Struk­tur­wan­del“ nen­nen. Er ist trotz der Jahr­zehn­te, die ins Land gegan­gen sind, nur in Tei­len gelun­gen bzw. immer noch im Gan­ge. Wel­che Chan­cen auf einen erfolg­reich gestal­te­ten Wan­del haben wir, wenn wir an die Digi­ta­li­sie­rung den­ken? Wie ist die Aus­gangs­la­ge? Wie gut sind oder wer­den Infra­struk­tur, Bil­dung und Wis­sen­schaft vor­be­rei­tet? Oder anders gefragt: wie viel schwie­ri­ger dürf­te es im Ver­gleich zum NRW-Struk­tur­wan­del wer­den, die not­wen­di­gen Anpas­sun­gen und Ver­än­de­run­gen erfolg­reich zu managen?


Auswirkungen der Digitalisierung, die heute sichtbar sind

Wie­so ste­hen so vie­le Geschäf­te leer? Hier auf dem Land fällt mir das in zuneh­men­dem Maße auf. Bed­burg, Berg­heim, Gre­ven­broich. Über­all zei­gen sich erschre­cken­de Lücken in den Ein­kaufs­stra­ßen. Vie­le Geschäf­te, die in frü­her in den klei­nen Ein­kaufs­zen­tren aktiv waren, haben auf­ge­ge­ben. Die Lücken füh­ren an man­chen Stel­len dazu, dass wei­te­re Geschäf­te (Gas­tro­no­mie) Pro­ble­me bekom­men. Nur in beschei­de­nem Maße wer­den die Flä­chen neu ver­mie­tet. Oft blei­ben sie über einen län­ge­ren Zeit­raum leer.

Bestimmt fra­gen sich die lokal ver­ant­wort­li­chen Poli­ti­ker aller Par­tei­en, wel­che Maß­nah­men gegen sol­che Ent­wick­lun­gen hel­fen könn­ten. Nied­ri­ge­re Mie­ten viel­leicht, ein attrak­ti­ve­res Umfeld?

Ich fürch­te, wir sehen an sol­chen Bei­spie­len, dass die Digi­ta­li­sie­rung längst in einer Wei­se Wir­kung zeigt, die bereits einen Ein­druck von der Dimen­si­on ver­mit­telt, mit der wir es zu tun bekommen.

Kürz­lich las ich, dass die Aktio­nä­re, die zu Beginn der 2000er Jah­re Ama­zon-Aktio­nen für 2000 $ gekauft hät­ten, heu­te Mil­lio­nä­re wären.

Ama­zon wird jetzt auch in den Lebens­mit­tel­han­del ein­stie­gen. Wie schön! Die­ses sym­pa­thi­sche klei­ne Fami­li­en­un­ter­neh­men (im Ver­hält­nis zum chi­ne­si­schen Pen­dant ist es das) macht inzwi­schen 2016: 14,15 Mrd. US$ Umsatz (2015: 11,8 Mrd. US$). Welt­weit liegt der Ama­zon – Umsatz mit 136 Mrd. US$ etwas unter dem Umsatz von Ali­ba­ba (Chi­na). Die­se Fir­ma hat in 2014 ca. 250 Mrd. US$ Umsatz erzielt. Wenn es gut läuft, macht Ali­ba­ba in 5 Minu­ten 1 Mrd. US$ Umsatz. Das sind Dimen­sio­nen, die wir uns in Deutsch­land nicht vor­stel­len kön­nen. Der größ­te deut­sche Ver­sen­der (Otto) erziel­te im letz­ten Jahr welt­weit einen Umsatz von 12,5 Mrd. Euro.

Wenn ich lesen muss, dass ein bekann­tes Spiel­zeug­fach­ge­schäft in unse­rer Gegend nach ca. 70 Jah­ren schließt, wird das bestimmt nicht nur mich trau­rig machen. Die Geschäfts­füh­rung nann­te als Grund für die Geschäfts­auf­ga­be, dass „die Leu­te“ sich im Geschäft bera­ten lie­ßen und dann im Inter­net bestel­len wür­den. Das ist kein neu­es Phä­no­men und an die Fair­ness der Men­schen zu appel­lie­ren wäre schlicht lächer­lich. Wir sind schließ­lich nicht blöd!

So gehen sie dahin, die Fach­händ­ler. Die Ket­ten hal­ten sich noch etwas län­ger, weil deren Geschäfts­mo­del­le ein wenig mehr Spiel­räu­me bie­ten. Wohl in jeder Hin­sicht, den­ke ich.


Zukunft und Digitalisierung

Die wenigs­ten wären bereit, auf Ama­zon oder die Dienst­leis­tun­gen ande­rer Inter­net­gi­gan­ten zu ver­zich­ten, die mit dazu bei­tra­gen, dass sich unse­re Welt so rapi­de ver­än­dert. Ich auch nicht.

Solan­ge die eige­ne Exis­tenz nicht bedroht ist und solan­ge alles prompt und zuver­läs­sig gelie­fert wird, besteht für Nach­denk­lich­keit kein Anlass.

Noch sind es nur Gedan­ken, die eine Idee von dem geben, was in den nächs­ten 2 Jahr­zehn­ten über uns hin­weg­rol­len könn­te. Erfah­rungs­ge­mäß dürf­te kei­ner die­sen Zug lang­sa­mer machen oder stop­pen kön­nen. Uns bleibt uns wie den Gene­ra­tio­nen vor uns nichts wei­ter übrig, als uns dar­auf ein­zu­stel­len, uns anzu­pas­sen und dar­auf zu hof­fen, dass „die Poli­tik“ es schon rich­ten wird. Wer glaubt heu­te noch an sowas?

Horst Schulte

2004 bin ich (63) unter die Blogger gegangen. Ich schreibe über alle möglichen Themen. Politik, Medien und Gesellschaft dominieren dabei.

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