Entschleunigen Wir Unser Leben

Ab und zu frage ich mich, wie ich mein Leben entschleunigen könnte. Dabei geht es mir nicht nicht nur darum, die gewisse nervtötende Angewohnheiten (News lesen, sharen, schimpfen, pampen) in den Griff zu bekommen, sondern darum, bewusste Lebenszeit zu gewinnen.

Dann fällt mir manchmal eine dieser ehernen Weisheiten meiner Mutter ein, die sie mir früh verraten hat: »Je älter du wirst, desto schneller vergeht die Zeit«. Lange Zeit dachte ich, so’n Quatsch. Aber die Zeiten ändern sich.

Entschleunigen sagt sich so einfach

Wie recht meine Mutter mit diesem Satz hatte. Wahrscheinlich haben viele diese und ähnliche Ansagen gehört. Nicht erst, nachdem ich nicht mehr im Berufsleben stehe und diese spezielle Art von Stress hinter mir gelassen habe, habe ich mich gefragt, wie man wohl die Zeit etwas abbremsen könnte. Aber schon Barry Ryan wusste, »die Zeit macht nur vor dem Teufel halt…«

Weniger ist mehr

Vergeht die Zeit langsamer, je mehr Aktivität ich entwickle? Ich überlegte kurz, ob ich nicht bungee jumpen, Fallschirm springen sollte — irgendwas also, wovor ich Angst habe?

Mehr oder gar so Aufregendes zu unternehmen würde wohl die falsche Antwort sein, wenn ich nach Methoden der Entschleunigung für mein Leben suchte. Die Zeit wollte nur dann nicht vergehen, wenn es beschissen langweilig zuging. Aber Langeweile war, seit ich ein Junge war, kein Thema mehr für mich.

Schöne neue Welt

Einen echten Schub hat die Beschleunigung erhalten, als in meiner Arbeitswelt plötzlich Fax-Geräte ihren Einzug hielten. Mit einem Mal mussten zum Beispiel Angebote und Anfragen innerhalb kürzester Zeit bearbeitet werden. Noch bevor die Wirkung der modernen Datenverarbeitung, später dann der Siegeszug des Personal Computern über uns hereinbrach, steigerten sich diese Anforderungen noch einmal exorbitant. E-Mails schafften einen Zeitdruck, der sich durch die Gewöhnung an dieses neue Medium innerhalb kürzester Zeit auf vorstellbare Art und Weise steigerte. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Menschen sich an nichts schneller gewöhnt hätten, als an die die Nutzung von E-Mails. Empfänger und Text eintippen und fertig ist man damit. Wie stark das unser individuelles Empfinden tatsächlich erreicht hat, vermag ich natürlich nicht zu sagen. Aber ich denke, dass diese Entwicklung einen krassen Beitrag zur Arbeitsverdichtung und Beschleunigung unseres Leben geleistet hat.

Kunden, Geschäftspartner, Vorgesetzte aber auch Freunde im privaten Bereich, so empfand ich es vor allem in den Anfangsjahren, erwarteten prompte Antworten auf ihre E-Mails.

E-Mails nicht sofort beantworten, sondern im Block

Immer häufiger gab es ellenlange E-Mail-Verteiler. Oft wurden solche Mails zur bevorzugten Kommunikationsform, ganz nach dem Motto: Melden macht frei. Das Telefon spielte nach meinen Beobachtungen oft eine nur noch untergeordnete Rolle. Es wurden Personen in die E-Mail-Verteiler einbezogen (nicht nur in Kopie), die zur Klärung überhaupt keinen Beitrag leisten konnten, die nicht einmal ein Informationsinteresse an der Nachrichten hatten. Die LeserInnen, die in größeren Unternehmen gearbeitet haben, wissen vermutlich, was ich meine.

Social Networks, Entschleunigen

Nur ja nix verpassen

Zu den absurdesten Auswüchsen der »Zeitverschwendung« zählen für mich die Szenen, in denen Leute mit gesenktem Haupt, auf ihr Smartphone schauend, durch die Straßen laufen und gegen Laternenpfosten oder gegen etwas anderes knallen. Oder die Szene, in denen Freunde im Biergarten beisammen sitzen und statt sich zu unterhalten, ihre Smartphones fixieren. Ich meine, dass dieses Verhalten erwachsener Menschen mit dem gestern vom Webmaster Friday behandelten Phänomen, dem Wunsch nach Entschleunigung, in direktem Zusammenhang stehen.

Daneben malträtiert uns ein Überangebot an News aller Art. Einerseits sind wir sehr verrückt danach, andererseits setzen wir uns auch beim Konsum von Nachrichten diesem ungesunden Stress aus, der dazu wertvolle Zeit frisst. Der Konsum von dazu vielfach redundanten und vielleicht irrelevanten Nachrichten kostet wertvolle Lebenszeit. Journalisten könnten (sollten) mit guten Konzepten helfen. Aber da fehlt uns dann wieder das Vertrauen.

Eine andere Frage ist, warum News so verflucht negativ sein müssen. Wir bevorzugen angeblich schlechte Nachrichten. Wir stehen drauf, diese als Erste zu sehen, zu sharen und sie zu kommentieren. Der Zeitfaktor spielt also nicht nur für Journalisten eine Rolle, sondern durchaus auch für die Nutzer von Informationen. Ein Teufelskreis. Der Qualität von Informationen wird dieser vermutlich ebenfalls nicht förderlich sein.

Wie entschleunigen?

Entschleunigen kann ich in bewussten Phasen meines Leben, in dem ich mich ganz und gar, also von allen und allem zurückziehe. Ich gehe in einem Raum oder in die Natur, nehme kein TV, kein Radio, keine Zeitung, kein iPad, keinen iPod und kein Smartphone mit. Habt ihr was Ähnliches in letzter Zeit mal probiert? Das ist am Anfang nicht so leicht wie es sich anhört. Plötzlich sind wir allein mit uns. Kein Gesprächspartner, ohne jede externe Ablenkung.

Lange einsame Spaziergänge (ohne Begleitung) können das bewirken, wenn man sich von der Natur nicht ganz so arg »angesprochen« fühlt, für eine Weile entschleunigen, beim Bergsteigen wird es diese Wirkung vielleicht ebenfalls geben. Aber wie bei anderen vielleicht vergleichbaren Sportarten (Tauchen) wird das aus Sicherheitsgründen nicht anzuraten sein. Da werden 2 Personen besser sein.

Vielleicht wäre ein Besuch in einem Kloster nicht schlecht. Auf sich selbst zurückgeworfen zu sein, sorgt sicher für eine zeitlich begrenzte Entschleunigung. Man kann vielleicht mit dem Rad oder der Bahn hinfahren und tut so sogar noch etwas für die Umwelt.

Und das meinen andere Teilnehmer am Webmaster Friday:

  • Entschleunigen so geht es – Becherwürfel | Quelle
  • Zwölfhundertneununddreißig | breakpoint | Quelle
  • WMF: Beschleunigung, Überforderung und Umgangsmöglichkeiten – Bruellmausblog | Quelle
  • Webmasterfriday: Entschleunigung bitte | die Unsoziale | Quelle
  • Entschleunigung: Social Media & 7 Tipps gegen Facebook-Stress | Quelle
  • Henning Uhle | Webmaster Friday – Silence is golden | Quelle