Das War Peinlich

Kein Argu­ment ließ er gel­ten. Es schien, als hätte er sein Wort schon der näch­sthöheren Instanz im Vor­stand gegeben.

Diese Pro­duk­tion­srei­he sollte in die Fab­rik in Ost-Europa ver­lagert wer­den. Etwa ein Dutzend Män­ner wür­den ihren Job ver­lieren. Und das, obwohl nachgewiesen­er­maßen logis­tis­che Mehrkosten die gewün­scht­en Lohneinsparun­gen aufgezehrt hät­ten.

Die Teil­nehmer der Besprechung vere­in­barten Stillschweigen. Die Entschei­dung war hier­mit getrof­fen, bis zur Umset­zung sollte jedoch noch ein halbes Jahr verge­hen.

Ich war nicht der einzige, der die Entschei­dung falsch fand. Dabei hat­te ich ego­is­tis­cher­weise auch im Hin­terkopf, dass weit­ere Pro­duk­tion­srei­hen nach ein­er erfol­gre­ichen Ver­lagerun­gen eben­falls nach Ost-Europa ver­lagert wer­den kön­nten. Der Stan­dort ins­ge­samt stand in diesem Fall endgültig zur Dis­po­si­tion. Diese Sorge war begrün­det, wie sich einige Jahre später her­ausstellen würde.

An der Sitzung nah­men zehn, größ­ten­teils erfahrene Man­ag­er teil, die für das Unternehmen in unter­schiedlichen Leitungspo­si­tio­nen arbeit­eten. Sämtliche vor­ge­tra­ge­nen sach­lichen und men­schlichen Argu­mente ver­pufften. Ober sticht unter. Ein Vor­stand war aus­re­ichend. In der diesem Mann eige­nen Art und Weise fegte er sämtliche Argu­mente ener­gisch vom Tisch. Dat­en und Fak­ten waren nicht erwün­scht. Die Agen­da dieses Her­rn hat­te Vor­rang.

Es waren Wochen ver­gan­gen und die Pla­nun­gen waren ange­laufen.

Die Betrof­fe­nen ahn­ten nicht, dass sie bald ihre Arbeitsstelle ver­lieren wür­den.

***

Eines Tages ging ich mit ein paar Kol­le­gen (Teil­nehmer der besagten Sitzung) zum Mit­tagessen in die Kan­tine. Die Pause war schon fast vorüber. Wie immer führten wir angeregte Gespräche über fir­menin­terne Tage­sak­tu­al­itäten und Pri­vates.

Ich war, wie immer, voll dabei und im Ele­ment. Unver­mit­telt rutschen mir ein paar Sätze über unsere “geheimen Beschlüsse” zur Pro­duk­tionsver­lagerung her­aus.

Sie sind mir ein­fach so raus­gerutscht. Ein Betrieb­srat hielt sich in unmit­tel­bar­er Nähe unseres Tis­ches auf. Ob er das mit­bekom­men hat­te? Mein Faux­pas war an Pein­lichkeit nicht zu über­bi­eten. Ich hätte mich wie ein Mäuschen in ein Erd­loch verkriechen kön­nen.

Am Tisch war es still. Einige Kol­le­gen schienen die Gesichts­farbe zu wech­seln. Plöt­zlich standen alle auf und ver­ließen die Kan­tine. Dieses Gefühl von Pein­lichkeit werde ich nie vergessen.

Passiert ist nichts. Kein­er von denen, die nicht am Tisch saßen, hat­te etwas von dem ver­standen, was ich her­aus­ge­pustet hat­te. Biss­chen später erhiel­ten die Män­ner ihre Kündi­gun­gen, die Ver­lagerung erfol­gte präzise und ohne Störun­gen. Die kom­plette Fer­ti­gung wurde zwei Jahre später eben­falls ver­legt.

Ich habe mir verziehen, diesen blö­den Fehler gemacht zu haben.

In mein­er beru­flichen Lauf­bahn habe ich zum Glück sel­ten die für die meis­ten Man­ag­er wohl schw­er­ste Auf­gabe bewälti­gen müssen. Ein­stel­lun­gen machen Spaß, Ent­las­sun­gen sind das schwierig­ste über­haupt. Eben auch dann, wenn man “nur” indi­rekt damit zu tun hat.

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