Die Korrektheit der Arbeitslosenzahlen in Deutschland ist immer wieder Thema. Aktuell greift Autor Hans-Dieter Rieveler von Heise online speziell den Vergleich zwischen Deutschland und Österreich heraus und zeigt auf, wie krass wir angeblich von unserer Regierung und den »QualitĂ€tsmedien« hinters Licht gefĂŒhrt werden.

Die Österreicher seien ehrlicher im Umgang mit den Arbeitslosenzahlen. Solche Behauptungen sind nicht sehr originell. Hiernach hat Deutschland Ă€hnlich schlechte Arbeitslosenzahlen vorzuweisen wie Österreich. Abgesehen davon, dass die Methode der Österreicher ja vielleicht wirklich besser ist, stellt sich grundsĂ€tzlich die Frage, weshalb auch in diesem Fall mit dem Eindruck »gespielt« wird, die »Machenschaften« unserer Regierung werde von den deutschen Medien gedeckt.

Satireshows zur Wissensvermittlung

Bei »Mann, Siebert« einer ZDF-Satireshow wurde erst im November 2016 der Umgang der deutschen Politik mit dem Thema Arbeitslosigkeit nett aufbereitet. Unterhaltsam und inhaltlich zutreffend. MĂŒssen wir uns also unser Detailwissen deshalb ĂŒber Satireshows (wie z.B. »Die Anstalt) erwerben, weil unsere Medien diesen fundamentalen Auftrag so mangelhaft erfĂŒllen, wie manche es stĂ€ndig behaupten? Heise Online ist nur ein Beispiel von vielen, die vor allem im Web kein gutes Haar an der »LĂŒgenpresse«, »LĂŒckenpresse«, dem »Staatsfunk« oder den »QualitĂ€tsmedien« lassen.

Die Tagesschau, dies gibt auch der Heise-Redakteur in seinem Beitrag zu, erlĂ€utert mit umfangreichen Hintergrundinformationen genau die Dinge, die angeblich von den »QualitĂ€tsmedien« in Deutschland verschwiegen werden.

Es gibt also außer der Tagesschau keine weiteren Medien, die uns, sofern wir auch interessiert daran sind, mit diesen Details versorgen? Quatsch!

Alles Fake

Vielleicht ist es angesichts von Fakenews, Fakenachrichten zu viel verlangt, sich selbst eingehender ĂŒber die Fakten zu informieren bevor man dazu ausholt, Fundamentalkritik zu ĂŒben? »Hat ja alles keinen Sinn, weil diese Medien ja doch alle gleichgeschaltet sind.« So reden heute doch viele!

PrĂŒfung der Masse

Ich habe geprĂŒft, ob es bei den großen Online – Angeboten deutscher Zeitungen detaillierte Informationen ĂŒber das Zustandekommen unserer Arbeitslosenzahlen zu finden gibt.

ZunĂ€chst habe ich jedoch naheliegenderweise mal beim zustĂ€ndigen Bundesministerium danach gesucht und viel Lesestoff gefunden. Da wird nun nicht gerade der Vergleich mit Österreich herausgearbeitet. Aber man kann gut verstehen, wie diese Zahlen, mit denen wir regelmĂ€ĂŸig konfrontiert werden, zustande kommen.

Direkt auf der ersten Statistikseite der Bundesagentur fĂŒr Arbeit finden sich Details ĂŒber Details. Man liest dort die Begriffe »Arbeitslosigkeit und UnterbeschĂ€ftigung« und einen Link zu einer 2seitigen PDF-Datei, die dem Interessierten alle möglichen Fragen beantworten dĂŒrfte.

Jede Menge Lesestoff zu Arbeitslosenzahlen

Zum April 2017 heißt es dort:

Die Ar­beits­lo­sig­keit sinkt im Ver­gleich zum Vor­mo­nat um 3,5% und sinkt zum Vor­jah­res­mo­nat um 6,4% auf 2,6 Mio. Die Un­ter­be­schĂ€f­ti­gung ohne Kurz­ar­beit sinkt im Ver­gleich zum Vor­mo­nat um 2,3% und steigt zum Vor­jah­res­mo­nat um 0,2%. Sie liegt bei 3,6 Mio. Die Ar­beits­lo­sen­quo­te be­trĂ€gt 5,8%, die Un­ter­be­schĂ€f­ti­gungs­quo­te 8,0%.Quelle: Statistik der Bundesagentur fĂŒr Arbeit – statistik.arbeitsagentur.de | LINK

Die UnterbeschĂ€ftigungsquote betrĂ€gt also 8,0 %. Wird das Thema »UnterbeschĂ€ftigung«, das im Heise – Beitrag so kritisch hinterfragt wird, nur auf den staatlichen Seiten behandelt, wĂ€hrend die QualitĂ€tsmedien darĂŒber nichts berichten?

  1. Arbeitslosigkeit: Zeichnet die offizielle Statistik ein geschöntes Bild? – SPIEGEL ONLINE | Quelle
  2. Tiefster Stand seit 25 Jahren: Arbeitslosenzahl sinkt im Oktober auf 2,54 Millionen FAZ | Quelle
  3. So viele Arbeitslose gibt es wirklich in Deutschland – FOCUS Online | Quelle
  4. Arbeitslosigkeit sinkt auf niedrigsten April-Wert seit 1991 – Karriere-News SĂŒddeutsche.de | Quelle
  5. Sensationelle Arbeitslosenzahlen im April – Zahlen zeigen nicht die ganze Wahrheit – Wirtschaft – Bild.de | Quelle
  • UnterbeschĂ€ftigung | bpb | Quelle
  • DIE LINKE: TatsĂ€chliche Arbeitslosigkeit | Quelle
  • Arbeitslosenzahlen – ZDFmediathek | Quelle
  • #DeinD: Kosmetik bei der Arbeitslosen-Statistik – heute-Nachrichten | Quelle
  • 5,8 % Arbeitslose – eine “Zahl fĂŒr Dumme” | Quelle

Jeder will glauben, was er will – auch bei den Arbeitslosenzahlen

Ich tendiere zu neutralen Vergleichen, die nicht so schnell in den Geruch geraten, fĂŒr eine bestimmte politische Seite Partei zu ergreifen. Was spricht also dagegen, die OECD beim Vergleich zwischen Deutschland und Österreich zu berĂŒcksichtigen? Ich denke, die Antwort ist sehr klar. Die Arbeitslosenzahlen in Deutschland haben sich seit der Finanzkrise gĂŒnstiger entwickelt als die in Österreich. Die Statistiken wurden – das vermute ich jetzt mal, seit 2008 hinsichtlich ihres Zustandekommens weder dort noch hier großartig verĂ€ndert.

Horst Schulte

2004 bin ich (63) unter die Blogger gegangen. Es sind nur wenige Jahre vergangen. Trotzdem bin ich in diesem GeschÀft ein alter Hase.

Ich schreibe ĂŒber gesellschaftliche und politische Themen. Hin und wieder gibt es bei 2bier auch was zum Thema Bloggen und Wordpress zu lesen.

Dieser Beitrag hat 5 Kommentare
  1. Das Sieber-Video ist nett, auch wenn die erwÀhnten Manipulationen und Zwangsverrentungen seit Jahren bekannt sind.
    Erinnert mich an den Mann, der einen 1-Euro-Job zum GrĂŒnanlagen-Reinigen ausgerechnet dort zugewiesen bekam, wo die Mitarbeiter der Firma, in der er bis vor kurzem in leitender Stellung tĂ€tig war, vorbeikamen.
    Und sich entsprechend zu Tode schÀmte. WÀhrend unsere Zuwanderer vor Langeweile auf dumme Gedanken kommen.
    Das ist die Art von sozialer Gerechtigkeit, wie sie die SPD – ĂŒber Jahrzehnte in Regierungsbeteiligung – versteht. Aber das wird ja mit Martin Schulz bekanntlich alles besser 😉

    In Wirklichkeit ist die Lage erheblich ernster.
    Die Aussage »Im Jahr x wurden in Deutschland erneut x Menschen mehr in Arbeit gebracht« ist so natĂŒrlich richtig. Wer wĂŒrde hier plump fĂ€lschen?
    Es passiert weitaus subtiler, denn diese Zahlen geben weder Auskunft ĂŒber die StabilitĂ€t/QualitĂ€t unserer Wirtschaft noch darĂŒber, wie gut oder schlecht es den Menschen geht. Es reicht, wenn der Eindruck entsteht, uns geht es gut, es geht immer weiter bergauf mit D.
    Ausschlaggebend aber ist allein die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden, und die ist seit Jahren rĂŒcklĂ€ufig und wird gravierend in den kommenden Jahren (Digitalisierung) weiter sinken.
    Es gibt so viele Möglichkeiten, Informationen zu verpacken, zu formulieren und an die Menschen zu bringen…

  2. Wer wĂŒrde sich um die Auswirkungen der laufenden (beginnenden) Digitalisierungen nicht sorgen, der entsprechende Informationen und Diskussionen zum Thema verfolgt hat? Als Nachweis fĂŒr mangelhafte Politik kann man dies kritisieren. Allerdings gebe ich zu bedenken, dass -soweit ich weiß- in keinem Land der Erde diesbezĂŒglich irgendeine Vorsorge getroffen wird. Die Thematik wird – mit Ausnahme einiger AllgemeinplĂ€tze vielleicht – in der Politik einfach ausgespart.

    NatĂŒrlich ist die Problematik der Arbeitslosenstatistik seit Jahren bekannt. Und zwar ausdrĂŒcklich auch durch die »LĂŒgenpresse« bzw. unsere »Systemmedien«. Insofern sind die Schlussfolgerungen, die gewisse Kreise aus bestimmten Faktoren ziehen, darauf angelegt, negative Stimmung zu verbreiten. Darin sind manche viel besser als andere.

    Außer der SPD hat wohl niemand behauptet, dass durch Schulz etwas besser wĂŒrde. Aber Sie scheinen die Tatsache zu unterdrĂŒcken, dass die Fehlentwicklungen in unserem Land zunĂ€chst einmal benannt und offengelegt werden mĂŒssen. Und zwar vor allem auf der politischen Ebene. Das hat Martin Schulz zumindest versucht. Wenn er das als Mitglied einer Partei tut, der wir die Agenda 2010 (also die Fehlstellungen, die Sie in Ihrem Beispiel beklagt haben) zu verdanken haben, ist das umso bemerkenswerter. Dass die SPD sich nicht lĂ€ngst klar distanziert hat, ist aus meiner Sicht kritikwĂŒrdig, andererseits aber auch nicht ĂŒberraschend.

    Ich habe ein langes Berufsleben hinter mir (47 Jahre). WĂ€hrend dieser langen Zeit habe ich erfahren, was es bedeutet, fĂŒr lĂ€ngere Zeit arbeitslos zu sein und welche Ängste dieser Zustand mit sich bringt. Aber immer nur der Politik an allem die Schuld zu geben, greift irgendwie etwas zu kurz. Damals fand ich Schröders Ansage (in der Reg.-ErklĂ€rung zur EinfĂŒhrung der Agenda 2010), dass wir mehr Eigenverantwortung ĂŒbernehmen mĂŒssen, voll und ganz richtig. In dieser Hinsicht dĂŒrften wir m.E. ruhig etwas mehr von den Amerikanern haben. Aber wir (EuropĂ€er) sind halt »Produkte« unserer Sozialstaaten. Wir glauben tatsĂ€chlich immer noch daran, dass der Staat es fĂŒr uns richtigen mĂŒsse.
    Parallel dazu haben sich neoliberale Strukturen weltweit in einer Weise verfestigt, die diese GrundĂŒberzeugungen eigentlich lĂ€ngst ad absurdum gefĂŒhrt haben. Wer sich den Blick auf die RealitĂ€t dadurch verkleistert, die Welt aus ideologischen GrĂŒnden in gut und böse zu unterteilen, wird die vor uns liegenden Aufgaben auch nicht leichter lösen als die anderen.

    1. Was die Digitalisierung angeht, sehe ich verschiedene Themen im Zusammenhang:
      FachkrĂ€ftemangel; die Art, wie die Parteien die Zuwanderung ohne vernĂŒnftiges Einwanderungsgesetz handhaben; durchaus spielt hier auch eine Rolle, dass viele Arbeitgeber ihre ArbeitsplĂ€tze nicht attraktiv genug fĂŒr hochqualifizierte Zuwanderer gestalten – diese bevorzugen englischsprachige EinwanderungslĂ€nder mit wesentlich besser dotierten Stellen – und durchaus auch die grundsĂ€tzliche Überlegung, ob der hohe Bevölkerungsstand tatsĂ€chlich so erstrebenswert ist, wie man es uns immer erklĂ€rt (das Thema hatten wir hier in Ihrem Forum schon).
      KĂŒrzlich las ich, welche LĂ€nder sich wie auf die Digitalisierung vorbereiten, leider habe ich es nicht behalten 🙁 – lediglich dass man sie an einer Hand abzĂ€hlen konnte, Schwerpunkt war Asien. Von den Japanern wissen wir, dass sie das Thema Schrumpfen der Bevölkerung gĂ€nzlich anders angehen als die EuropĂ€er. Manchmal habe ich daher Sorge, dass Deutschland in der Zukunft wirtschaftlich ins Hintertreffen geraten könnte, denn auch die hohen ExportĂŒberschĂŒsse werden dauerhaft nicht mehr hingenommen werden.

      Schröders »Fordern und Fördern« habe ich noch gut in den Ohren, dachte damals auch: Jawohl, mehr persönliche BemĂŒhungen und FlexibilitĂ€t könnten uns nicht schaden.
      Aber: Der Staat sollte fĂŒr eine gute Basis sorgen, so weit es in seinem Einflußbereich liegt. Die ist m. E. fĂŒr Fordern oder Rente mit 67 bis heute nicht gegeben. Letzteres haben Sie ja auch am eigenen Leibe erfahren, nĂ€mlich wie diffizil es jenseits der 45 mit der Jobsuche wird.

      »Gewisse Kreise«, »positive oder negative Stimmung« sind weniger mein Gebiet. Benennen und offenlegen halte ich fĂŒr eine Pflicht eines jeden BĂŒrgers. Falsche RĂŒcksichtnahmen, pc, gar Verschweigen wird uns nicht weiterbringen. Die Parteien werden es nicht zuverlĂ€ssig fĂŒr uns tun. Da stehen zu viele Interessen im Widerspruch.
      Volksvertreter werden gewĂ€hlt, um UNSERE Interessen zu vertreten; sobald sich Fehlentwicklungen bemerkbar machen, sind wir alle gehalten, diese nicht nur zu benennen, sondern auch dafĂŒr zu sorgen, dass gegengesteuert wird. Eine Gesellschaft, die MĂ€ngel nicht mehr laut benennt, aus Angst… Sie wissen schon… wird Stillstand erfahren statt Weiterentwicklung.

      Abschließend vielleicht noch die kleine Anmerkung, dass auch ich mit den Ideologien meine Probleme habe, hĂ€ufig bei der jungen Generation, aber natĂŒrlich nicht nur. Man kennt zwar kaum den Unterschied zwischen rechts, konservativ oder einem National-Sozialisten, aber ein Mensch mit anderer Meinung ist mit Sicherheit bei den »Bösen«. Schwarz-weiß-Denken hat Platz gegriffen; geurteilt wird nicht aus WISSEN, Bildung oder Lebenserfahrung heraus, sondern aus GLAUBEN; Kriterium scheint zu sein, was man irgendwo gehört hat, was ankommt, Mainstream ist. Individuelle Meinungen erfordern inzwischen Mut. Beunruhigend.

      1. Volle Zustimmung. Ich habe auf der CDU-Website gelesen, dass sie nun ihre Haltung zu einem Zuwanderungsgesetz verĂ€ndert hat. Ob die CSU das noch nachholen wird? FĂŒr das Land wĂ€re es gut, wenn wir bald ein ordentliches Zuwanderungsgesetz hĂ€tten. Die GrĂŒnde dafĂŒr haben Sie richtig beschrieben.

        Viele Menschen in Deutschland machen sich Gedanken darĂŒber, was durch die Digitalisierung entstehen wird. Vielfach sind damit Ängste verbunden, die in Richtung Arbeitsplatzverluste gehen. Die Einstellung der Deutschen wird immer wieder mit einer gewissen Technikfeindlichkeit begrĂŒndet. Da sind die Asiaten anders drauf (nicht nur in Japan). Ich mag mir nicht vorstellen, was auf der Welt los sein wird, wenn in vllt. 20-25 Jahren mehr als die HĂ€lfte der heutigen ArbeitsplĂ€tze verloren gegangen sein werden. Solche geradezu apokalyptischen Visionen hört man zeitweise.
        Ich habe mit ĂŒber 53 nach dem Konkurs meines Arbeitgebers eine neue Arbeit suchen mĂŒssen. Das war noch schwerer als ungefĂ€hr 10 Jahre zuvor. Da habe ich diese Prozedur zum ersten Mal durchlaufen. Es war sehr nervig und mit viel Zukunftsangst verbunden. Ich hatte viel GlĂŒck, obwohl ich zuletzt finanziell einiges verloren habe. Über solche individuellen Erfahrungen wird nicht viel gesprochen. Geschimpft dafĂŒr umso mehr. Aber das ist unter solchen Bedingungen eigentlich nicht anders zu erwarten.
        Die Diskussionen um Fakenews, Hatespeech etc. haben sich deshalb zu einem Stakkato entwickelt, weil jede Seite nur eins im Auge hat: Recht zu behalten. Im Internet hat diese Eigenart des Menschen (?) durch die AnonymitĂ€t eine besondere Dimension erreicht. Das macht viel kaputt. Gesellschaftlicher Dialog – so wĂŒnschenswert er ist – kann so destruktiv sein, dass die meisten Leute ihre Freude daran verlieren.

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