Gekränkte Patrioten Gegen Deniz Yücel

Mit den Texten von Deniz Yücel habe ich mich in den vergangenen Jahren an verschiedenen Stellen ab und zu kritisch auseinandergesetzt. Es muss einem nicht gefallen, was der Mann schreibt.

Ich habe hier ein paar Musterbespiele, auf die man in diesen Tagen häufig stößt:

In der Mitte Europas entsteht bald ein Raum ohne Volk. Schade ist das aber nicht. Denn mit den Deutschen gehen nur Dinge verloren, die keiner vermissen wird. […]

Der baldige Abgang der Deutschen aber ist Völkersterben von seiner schönsten Seite.Quelle: Kolumne Geburtenschwund: Super, Deutschland schafft sich ab! – taz.de | LINK

Der Artikel ist von 2011. Interessant, dass viele »Antworten« der geneigten und politisch einschlägigen Leserschaft erst im Jahr 2013 nachgereicht worden sind. Mit welcher Entwicklung in unserem Land das wohl zu tun hat?

Deutsche Patrioten gegen Deniz Yücel

Vermutlich trauen sich halt wieder mehr Patrioten Nationalisten sich für Deutschland ins Zeug zu legen. Patriotismus Nationalismus ist schließlich wieder im Kommen. Was schreibt (schrieb) Yücel gern in die Taz, um uns zu treffen? Sowas wie: Kolumne Deutschenfeindlichkeit: Mir brauche Lichterkedde – taz.de | Quelle Ob er das heute bei Springer immer noch so hält, weiß ich ehrlich gesagt nicht so genau.

Und wer wird den Streit mit Thilo Sarrazin vergessen haben, der schließlich bei Gericht gelandet ist und der die Taz 20.000 Euro gekostet hat?

Nachdem Yücel in seiner Kolumne „Der Ausländerschutzbeauftragte“ geschrieben hatte, dass man dem teilweise im Gesicht gelähmten Thilo Sarrazin „nur wünschen kann, der nächste Schlaganfall möge sein Werk gründlicher verrichten“, sprach der Deutsche Presserat im Dezember 2012 eine Missbilligung aus.
Der Presserat hielt es für unvereinbar mit der Menschenwürde Sarrazins, ihm eine schwere Krankheit oder Schlimmeres zu wünschen, und stellte fest, dass der Beitrag über eine kritische Meinungsäußerung weit hinausgehe.Quelle: Deniz Yücel – Wikipedia | LINK

So geschliffen Yücels Texte oft sind, so drastisch formuliert er mitunter.

Rechts macht Stimmung

Dass nun gerade dieses unseren Freunden von der Rechtsfront nicht passt, liegt auf der Hand. Seit Yücel verhaftet wurde und verstärkt, nachdem er sich in türkischer Untersuchungshaft befindet, haben die Wortmeldungen des rechten Lagers noch einmal an Lautstärke zugenommen. Alle sind dabei, das ganze Nazipack macht Alarm. Eine Google – Abfrage etwa mit diesem Inhalt »Schlaganfall Sarrazin Yücel« zeigt, was ich meine. Die Huffington Post befasste sich dieser Tage damit, wie AfD Mitglieder mit Yücels Inhaftierung umgehen.


Im Grunde gegen sich selbst

Was mich belustigt ist die Tatsache, dass die Rechten immer ganz schnell Zensur schreien, wenn einer ihrer Wortführer mal wieder Nazivokabular oder anderes menschenverachtendes Zeug abgesondert hat. Oft geht dieses Jammern damit einher, dass laut über die ach so elende politische Korrektheit geklagt wird.

Wenn dann allerdings ein politisch gar nicht so korrekter Journalist, zumal mit türkischen Wurzeln, vom Erdogan-Regime unter fadenscheinigen Gründen eingelocht wird, dann sind die Rechten plötzlich so drauf, wie sie es jetzt demonstriert haben. Elendes Gesocks halt.

Wie oft denn noch

Ciceros Constantin Wißmann gibt dem Affen Zucker. Er tischt seiner Leserschaft, weils gerade so schön in die Zeit passt, noch einmal die Geschichte vom schlimmen Flüchtlingsdeal mit der Türkei auf, mit der Merkel sich von Erdogans Gnade abhängig gemacht habe.

Wißmann tut gerade so, als ob er nicht wüsste, dass bedeutende Teile seiner national gesinnten Leserschaft mit dem vorläufigen Ergebnis dieses »Deals« voll zufrieden sind.

Schließlich kommen doch fast keine Flüchtlinge mehr! Oder sollte vielleicht die Statistik wieder mal nicht stimmen, weil – wie immer immer noch behauptet wird – bei Nacht und Nebel und an jeder Öffentlichkeit vorbei mit Flüchtlingen gefüllte Flugzeuge in Deutschland landen?

Cicero benutzt die Situation um Deniz Yücel, um – zum wie vielen Mal eigentlich – die schwere Schuld Angela Merkels zu betonen. Und diesmal geht es um einen Kollegen, für den Merkels Regierung nur deshalb nichts erreicht, weil sie sich mit dem Flüchtlingsdeal »ausgeliefert« habe.

Wahrscheinlich müssen wir uns darauf einstellen, dass bei allen weiteren Konflikten mit der Türkei dieses ach so dienliche Szenarium benutzt wird. Wie hinterfotzig und bigott muss man eigentlich sein?

Worin besteht eigentlich der Unterschied, ob wir Orbans Maschendraht oder den von Erdogan für unsere Zwecke nutzen? Ah, ich weiß. Orban ist der christliche Heilsbringer, während Erdogan der böse Muslim ist.

Horst Schulte

Ich bin Horst Schulte und blogge seit 2004. Am liebsten schreibe ich über gesellschaftliche und politische Fragen. Aber ab und an gibt es hier auch etwas zum Thema Bloggen, Wordpress und ein paar Fotos.

Meine ersten Gehversuche als Blogger machte ich mit den Blogs finger.zeig.net, später mit querblog.de und noch etwas später mit netzexil.de

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