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Gesicht zei­gen: Gegen Anony­mi­tät

Hat die Dis­kus­si­on über die Anony­mi­tät im Inter­net eigent­li­ch erst mit dem Erschei­nen der Sozia­len Netz­wer­ke begon­nen, oder gab es sie schon frü­her? Wie auch immer — jeden­falls führt (aus­ge­rech­net) Face­book den Kampf um den Klar­na­men. Die Fra­ge, ob man anonym oder unter Klar­na­men im Netz agiert, ist immer noch heiß und der dies­wö­chi­ge Web­mas­ter Fri­day beschäf­tigt sich mit die­sem The­ma. 

Mit weni­gen Aus­nah­men nut­ze ich mei­nen Namen

Ich per­sön­li­ch ten­die­re zur Ver­wen­dung von Klar­na­men. Dahin­ter steckt die viel­leicht etwas alt­mo­di­sche Vor­stel­lung, wis­sen zu wol­len, mit wem ich es bei einem vir­tu­el­len Gespräch oder beim Lesen eines Tex­tes zu tun habe. Mei­ne leich­te Abnei­gung gegen die Anony­mi­tät ist durch die «Spe­zia­li­tät» in unse­ren Sozia­len Netz­wer­ke ent­stan­den. Dort hat sich eine «Dis­kus­si­ons­kul­tur» eta­bliert, die längst erschre­cken­de Aus­ma­ße ange­nom­men hat. 

Die Leu­te, um die es mir vor allem geht, kip­pen uns ihren ras­sis­ti­schen und men­schen­ver­ach­ten­den Müll aller­dings immer häu­fi­ger auch unter ihrem Klar­na­men vor die Füs­se. Sie glau­ben dar­an, die Mei­nungs­frei­heit, also die Demo­kra­tie auf ihrer Sei­te zu haben. Und dabei ent­lar­ven sie sich mit dem was sie schrei­ben als aus­ge­mach­te Fein­de der Demo­kra­tie!

Wie auch immer — ein biss­chen habe ich inzwi­schen dazu gelernt. Ich mach”, wenn mir extre­me Fäl­le unter­kom­men, kein lan­ges Feh­ler­le­sen und blo­ckie­re die­se Leu­te sofort. Ich bin heu­te nicht mehr gegen die Anony­mi­tät im Netz, weil ich zu der Über­zeu­gung gelangt bin, dass sich der Umgang mit­ein­an­der nicht dadurch ver­bes­sern lässt, dass wir alle unse­re Klar­na­men ver­wen­den. Wir soll­ten unse­re Bemü­hun­gen an ande­rer Stel­le inten­si­vie­ren, wenn wir aus der Hass-Spi­ra­le wie­der her­aus­wol­len.

Jeder darf lesen, was ich pos­te — auch mein Arbeit­ge­ber

Was geb­loggt wird, mag nicht immer von vie­len Men­schen gele­sen wer­den. Aber es ist nie aus­zu­schlie­ßen, dass neben Netz­be­kann­ten, Fami­li­en, Freun­den auch Kol­le­gen oder sogar der Chef mit­le­sen. Da könn­te womög­li­ch sub­op­ti­mal sein, wenn Tex­te, Videos oder Fotos sagen wir mal nicht den spe­zi­fi­schen Vor­stel­lun­gen ent­spre­chen wür­den. Es soll Fäl­le geben, in denen ein bestimm­tes Foto oder eine Text­pas­sa­ge nicht unbe­dingt för­der­li­ch für die beruf­li­che Kar­rie­re gewe­sen sind. 

Anony­me Blog­ger

Anony­me Blog­ger sind über­haupt kei­ne Sel­ten­heit. Vie­le lese ich gern, obwohl ich unter­schied­li­cher Mei­nung bei man­chen The­men bin. Bei Blog­gern habe ich es schon immer, anders als bei Nut­zern der Sozia­len Netz­wer­ke, in Ord­nung gefun­den, wenn sie anonym schrei­ben. Das liegt viel­leicht dar­an, dass die Dich­te der Hass­posts weni­ger hoch ist als in den Sozia­len Netz­wer­ken.

Wahr­schein­li­ch kennt jeder von uns Blogs, in denen die Ver­ant­wort­li­chen aus dem Impres­sum nicht oder nicht so klar zu erse­hen sind, wie der deut­sche Gesetz­ge­ber es vor­sieht. Ande­rer­seits gibt es, wie gesagt, nicht weni­ge Blogs, die ohne Impres­sum blog­gen und des­halb trotz­dem nicht behel­ligt wur­den. Es soll ja auch immer noch Blogs geben, die unli­zen­sier­te Fotos pos­ten und dafür noch nicht zur Rechen­schaft gezo­gen wur­den. Wo kein Klä­ger, da kein Rich­ter. Mei­nes Erach­tens ist das rei­ne Glücks­sa­che.

Tipp:  Googleplus + Facebook oder doch Facebook + Googleplus + Twitter

Emp­feh­lun­gen von Fach­an­wäl­ten zum Impres­sum für Blog­ger

Folg­te man grund­sätz­li­ch den Emp­feh­lun­gen von Fach­an­wäl­ten, dürf­te man das Risi­ko, ohne Impres­sum zu blog­gen, nicht ein­ge­hen. Übri­gens auch dann nicht, wenn man Platt­for­men wie WordPress.com etc. nutzt. Auch ein pri­va­tes Blog kann abge­mahnt wer­den, wenn Wer­be­ein­blen­dun­gen für die Quel­le des Word­Press-The­mes etc. oder die Teil­nah­me an Affi­liat-Pro­gram­men fest­stell­bar sind. Außer­dem ist recht­li­ch noch unge­klärt, ob Blogs in die­sem Sin­ne noch als rein pri­vat gel­ten, wenn jour­na­lis­ti­sche oder redak­tio­nel­le Inhal­te gene­riert wer­den. Es heißt nicht zu unrecht: Vor Gericht und auf hoher See bist du in Got­tes Hand. 

Es gibt sehr gute Grün­de, anonym zu blog­gen. Sehr anschau­li­ch und über­zeu­gend schil­dert dies «Anne Nühm» in ihrem heu­ti­gen Bei­trag zum The­ma. Als ich den Namen zum ers­ten Mal las, habe ich laut gelacht. 

Wun­der­ba­re Anony­mi­tät

Mit einem ande­ren Blog­ger hat mich über Jah­re fast so etwas wie eine Freund­schaft ver­bun­den. Wir haben uns nie ken­nen­ge­lernt und waren poli­ti­sch abso­lut unter­schied­li­cher Auf­fas­sung. Gemein­sam hat­ten wir eine Lie­be zu einer bestimm­ten Jazz-Art. Er hat mir sogar mal eine Jazz-CD per Post geschickt. Ich konn­te mich nie revan­chie­ren, weil ich sei­ne Iden­ti­tät über die vie­len Jah­re nie erfah­ren habe. Es gibt ande­re Bei­spie­le. Vie­le wer­den den Blog «Zet­tels Raum» ken­nen. Ein tol­ler Blog, der als sol­cher den lei­der viel zu frü­hen Tod sei­nes immer anonym schrei­ben­den Grün­ders «über­lebt» hat. Die Auto­ren­schaft erwei­ter­te sich ste­tig, so dass der Blog von Zet­tels «Erben» fort­ge­führt wird. Zet­tels bril­lan­ten Tex­te habe ich gern gele­sen, obwohl auch sie poli­ti­sch mit mei­ner Mei­nung fast nie über­ein­pass­ten.

Tipp:  Adventszeit - Chance für einen wohlwollenden Rückblick

Hass sähen

Btw: War­um sind vie­le rech­te Blogs anonym, ver­lan­gen aber vom Gesetz­ge­ber Bur­ka-Ver­bo­te zu zu erlas­sen und durch­zu­set­zen?

Lei­der gibt es nega­ti­ve Bei­spie­le, auf die ich aber hier gar nicht ein­ge­hen möch­te. Es sind i.d.R. rech­te Hass­blogs. Die­se Blogs ver­zich­ten auf Vie­les. Unter ande­rem auf Stil. Und auf ein Impres­sum. Oder die Ein­trä­ge sind so beschaf­fen, dass die Urhe­ber nicht zu ermit­teln sind. Natür­li­ch tun sie das, damit sie nicht zur Rechen­schaft gezo­gen wer­den kön­nen für das, was sie an men­schen­ver­ach­ten­den Tex­ten raus­hau­en.

Sie machen unse­ren Staat und sei­ne Insti­tu­tio­nen mies und bezie­hen sich gern auf die Mei­nungs­frei­heit. Dar­über mag jeder den­ken, was er mag. Per­sön­li­ch wür­de ich es begrüs­sen, wenn man die­sen Leu­ten rigo­ro­ser begeg­nen wür­de. Aber wie unpo­pu­lär die Vor­stö­ße unse­res Bun­des­jus­tiz­mi­nis­ters, Hei­ko Maas, sind, weiß jeder, der sich im Inter­net tum­melt. Vor­be­hal­te gegen Maas” Aus­sa­gen und Aktio­nen gibt es kei­nes­falls nur von Rechts. 

Gegen die Anony­mi­tät im Netz spre­chen die gehäuft vor­kom­men­den Mob­bin­g­at­ta­cken, eben­so wie gewis­se Chat-Akti­vi­tä­ten von Pädo­phi­len, die sich unter Pseud­ony­men an Kin­der her­an­ma­chen. Aber es gilt: Wer Böses im Schil­de führt, der wird immer Wege fin­den und schließ­li­ch ist nicht sicher, ob der Name, unter dem sich uns jemand im wah­ren Leben vor­stellt, auch wirk­li­ch der rich­ti­ge ist. 

Schön wäre jeden­falls, wenn wir frei­wil­lig zu einer Dis­kus­si­ons­kul­tur zurück fän­den, die vie­le in die­sen Zei­ten ver­mis­sen.

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Ein Abschie­beskan­dal ist heu­te nicht mehr, wenn Men­schen zwangs­wei­se aus unse­rem Land depor­tiert wer­den, son­dern…
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Die Spie­gel — Kolum­nen von Augstein und Diez wer­den von Rech­ten immer häu­fi­ger als ein­sei­ti­ge, lin­ke…

Horst Schulte

Ich blogge seit 2004. Am liebsten schreibe ich über gesellschaftliche und politische Fragen. Aber ab und an gibt es hier auch etwas zum Thema Bloggen, Wordpress und ein paar Fotos.

Meine ersten Gehversuche als Blogger machte ich mit den Blogs finger.zeig.net, später mit querblog.de und noch etwas später mit netzexil.de

Dieser Beitrag hat 5 Kommentare
  1. War­um sind vie­le rech­te Blogs anonym…

    Weil deren Betrei­ber fei­ge sind. Man kennt doch auch seit Jah­ren das Phä­no­men, dass in vie­len Blogs auf poli­ti­sche Bei­trä­ge die gehäs­sigs­ten Kom­men­ta­re (meist aus der rech­ten Extre­me­cke) anonym gepos­tet wer­den. Die Her­ren geben sich lie­ber ver­mummt, ver­ste­cken sich hin­ter einer Netz-Bur­ka.

    Im Übri­gen habe ich nichts gegen anonym — meist ja pseud­onym — geführ­te Blogs, wenn sie denn gute Bei­trä­ge bie­ten. Das gibt’s auch im Aus­land. Schö­ner ist es natür­li­ch, wenn der Betrei­ber Namen, Gesicht und Ort hat. Ich kann mir dann leich­ter den Men­schen dahin­ter vor­stel­len.

    In mei­nem Blog bin ich auf jeden Fall ich, und wem nicht gefällt, was und wie ich schrei­be oder foto­gra­fie­re, der muss mein Blog ja nicht besu­chen. Und wenn mein Arbeit­ge­ber mit­gu­cken und -lesen soll­te, dann ger­ne. Mein Blog ist Teil mei­nes Lebens, da habe ich nichts zu ver­heim­li­chen. (M.a.W.: Ich ver­öf­fent­li­che dort schon das, was ich ver­öf­fent­li­chen will…)

    In den meis­ten User­fo­ren dage­gen, in denen ich Mit­glied bin, schrei­be und lese ich mit Pseud­onym. Die Betrei­ber haben aber immer­hin min­des­tens eine gül­ti­ge E-Mail­adres­se von mir, da bin ich also nicht anonym.

    Ansons­ten sehe ich dei­nen vor­letz­ten Absatz im Arti­kel als auf den Punkt gesetzt.

    1. Hal­lo Boris,

      schö­nes Bild, die Netz-Bur­ka Mei­ne Erfah­run­gen mit anony­men Blog­gern sind über­wie­gend posi­tiv. Wenn es die ande­re Sor­te nicht gäbe, wäre alles gut. Mei­ne Abnei­gung gilt denen nicht, weil sie ande­rer Mei­nung als ich sind. Es geht eben, wie du auch schreib­st, um das, was dort geschrie­ben wird. Unsäg­li­ch ist das oft. Und die Kom­men­ta­re sind meis­tens noch schlim­mer.

      Ich über­le­ge mir auch, ob ich etwas blog­ge. Man­che mögen den­ken, dass das nicht der Fall ist, weil ich mit­un­ter ein biss­chen hef­tig for­mu­lie­re. Mir ist egal, wer hier mit­liest. Viel­leicht auch des­halb, weil ich des­halb nie Pro­ble­me hat­te. Aus­ge­nom­men durch die Blog­ger, denen mei­ne Sachen nicht gefal­len. Und davon gibts lei­der auch reich­li­ch Damit kann ich aber leben. 

      Dan­ke für dei­nen aus­führ­li­chen Kom­men­tar und ein schö­nes Wochen­en­de.

      Grü­ße
      Hor­st

  2. Putz­lo­wit­sch hat es schon gesagt: Oft sind Pseud­ony­me gar nicht mehr so anonym. Jeder weiß, wer hin­ter mei­nem Namen steckt (was auch kei­ne gro­ße Kunst ist) Aber ich kann mein Pseud­onym able­gen oder ändern und ein biss­chen wer­de ich den «Big-Bro­ther-Gedan­ke» auch nicht los. Des­we­gen bin ich auf den Soci­als lie­ber nicht mit dem Real­na­men unter­wegs.
    LG
    Sabie­nes

    1. Hal­lo Sabie­nes,

      in vie­len Fäl­len ist es so, wie Putz­lo­wit­sch schrieb. Aber es gibt auch ande­re Fäl­le. Ich habe von einem erzählt. Die Iden­ti­tät war über Jah­re nicht zu klä­ren, obwohl ich es mehr­mals ver­sucht habe.

      Gut, dass jeder sei­nen Umgang mit dem Inter­netz inso­fern selbst bestim­men kann. 

      LG
      Hor­st

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