GOTT, ICH DANKE DIR, DASS ICH NICHT BIN WIE DIE ANDEREN LEUTE

Zum Staffelstart von »Sing meinen Song« bei Vox griff Spiegel Autor,  Arno Frank, aber mal so richtig tief in die Kiste gemeiner Rhetorik.

Viele Kommentatoren fanden das toll.

Bei Twitter gab es gestern Abend überwiegend positive Resonanz. Ich glaube, dass ist bei TV-Sendungen nicht so oft der Fall. Aber da mag ich irren.

Jedenfalls hatten die Leute in diesem Fall ihren Spaß an der Sendung bzw. an den Songs der Teilnehmer der neuen Staffel.

Es hat mich nicht überrascht, dass Frank die Reichsbürgergeschichte um Gastgeber Xavier Naidoo erwähnt. Das Thema zaubert man bestimmt auch in 20 Jahren noch aus dem Hut, wenn man Naidoo oder seinen Projekten etwas Schlechtes nachsagen will.

Zu einem gewissen Teil liegt das sicher am zuverlässig verstrahlten Gastgeber Xavier Naidoo, mit dem ein leichter Grusel ins Spiel kommt. Ein spirituell und politisch verwirrter Reichsbürger mit mehr Verschwörungsflausen als Melodien im Kopf lässt sich sonst eher selten zur besten Sendezeit besichtigen. Weil aber keine Chemtrails am Himmel stehen und Naidoo statt eines schützenden Stanniolhütchens die Schiebermütze auf dem Kopf festgewachsen zu sein scheint, kommt er wieder ein wenig als passabler Soulsänger zum Vorschein.
LINK
Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/tv/sing-meinen-song-mit-xavier-naidoo-bei-vox-tv-kritik-zur-ersten-folge-a-1034552.html#spLeserKommentare

Ich habe jetzt keine Lust, mich wieder für Naidoo ins Zeug zu legen, denn beim letzten Mal hatte man deshalb mittels einer wissenschaftlichen Methodik (einer Textanalyse) meine Nähe zu Nazis entlarvt.

Vielleicht hänge ich auch nur an der Sendung, weil Naidoo sie moderiert.

Vielleicht spricht für meine latente politische Orientierung  auch noch, dass ich immer vorgegeben habe, Volksmusik zu hassen. Nach dem Ende der ersten Staffel »Sing meinen Song« mochte ich dann plötzlich Lieder von Andreas Gabalier und sogar ihn persönlich.

Das ist am Ende noch ein untrügliches Zeichen dafür, dass mein Herz nicht links, sondern doch ganz rechts schlägt. Erschwerend kam hinzu, dass ich auf einmal Fan von Sarah Conner war.

Diesen Teil eines Kommentars zum Frank-Artikel hat mir sehr gut gefallen:

Sich bei seinen eigenen Vorurteilen erwischt zu fühlen? Sich eingestehen zu müssen, dass die blöde Sarah Conner eine hervorragende Sängerin und ein offensichtlich integerer, herzlicher Mensch ist?
LINK
Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/tv/sing-meinen-song-mit-xavier-naidoo-bei-vox-tv-kritik-zur-ersten-folge-a-1034552.html#spLeserKommentare

Denn – genau so habe ich es auch wahrgenommen. Und viele andere vielleicht auch. Nur nicht Herr Frank und die, die in seinen Verriss der Sendung so etwas wie eine Sternstunde beim Spiegel sehen wollen.

Musik und Fernsehen ist Geschmackssache. Der Job eines Kritikers ist sicher auch, das zum Ausdruck zu bringen. Aber Herr Frank hat das in meinen Augen nicht getan.

Eher wollte er denen Zucker geben, die die TV-Formate nicht mögen oder sich nicht dafür interessieren. Denen, die sich gern über Populärmusik verächtlich machen, wollte er ein gutes Gefühl geben. Er tut gerade so, als ob irgendeine Musikform ohne Promotion auskommen würde.

Schließlich ist das tiefenentspannte »Tauschkonzert« als spannungsbereinigtes Wellnessangebot nur die neueste und nicht unperfide Zäpfchenform des Unterhaltungskapitalismus. Denn so weit kann man den Verhältnissen gar nicht entfliehen, als dass man nicht am anderen Ende der Welt noch die Kassen klingeln hören würde.
LINK
Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/tv/sing-meinen-song-mit-xavier-naidoo-bei-vox-tv-kritik-zur-ersten-folge-a-1034552.html#spLeserKommentare

Dazu will ich auf einen älteren Text verweisen:

[x_alert type=«success«]Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. –

Bibel Lukas 18, 9-14
[/x_alert]

»Sing meinen Song« hat viele Zuschauer positiv überrascht. Meine Frau und mich auch. Ich hatte mir nicht vorgestellt, dass die stilübergreifende Darbietung verschiedenster Künstler und Titel ein Erfolgspotenzial aufweisen könnte.

Dass die Macher der Sendung die emotionale Seite spätestens nach den Lehren der ersten Staffel ein wenig übertreiben, mag man vielleicht unpassend finden.

Mich überzeugt an diesem TV-Format, dass man die Interpreten ein bisschen näher kennen lernen kann aber vor allem, dass sie selbst mit ihren Interpretationen anderer Künstler wenigstens ein übers andere Mal positiv zu überraschen wissen.

Und wenn sich die Teilnehmer gegenseitig selbst überraschen und sich wechselseitig mit ihren Beiträgen emotional ergriffen zeigen, ist das eine schöne Erfahrung, die man nicht partout als Show abtun muss.

Horst Schulte

Ich bin Horst Schulte und blogge seit 2004. Am liebsten schreibe ich über gesellschaftliche und politische Fragen. Aber ab und an gibt es hier auch etwas zum Thema Bloggen, Wordpress und ein paar Fotos.

Meine ersten Gehversuche als Blogger machte ich mit den Blogs finger.zeig.net, später mit querblog.de und noch etwas später mit netzexil.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.