Lagerkoller In Hallen Und Zelten

In den 1970er Jah­ren war ich mit einer Jugend­grup­pe auf Hel­go­land. Wir haben eine Rund­rei­se gemacht und waren des­halb drei Tage auf der Insel.

Das Wet­ter war nicht schön. Zwi­schen den Regen­schau­ern haben wir ein biss­chen Fuß­ball gespielt. Die Stim­mung war irgend­wie ange­spannt. Die Jugend­her­ber­ge fan­den wir kacke. Davor waren wir an ver­schie­de­nen ande­ren Orten. Über­all war es besser.

Das kom­plet­te Geschirr wur­de damals von Hand abge­wa­schen und abge­trock­net. Wir waren dran – an allen drei Tagen. Aus den Häh­nen kam damals nur teil­ent­salz­tes Was­ser. Zäh­ne­put­zen war ein­fach nur eklig.

Der Leer­lauf zwi­schen den Spül- und Abtro­cken­ex­zes­sen erzeug­te Langeweile.

Die Grup­pe bestand aus einem Dut­zend etwa gleich­alt­ri­ger Jugend­li­cher. Ein Teil von uns waren Klas­sen­ka­me­ra­den. Ich haup­te mal, dass wir uns mochten.

Obwohl wir, wie gesagt, nur drei Tage auf der klei­nen Insel waren, ent­wi­ckel­te sich viel­leicht aus der Mischung von Lan­ge­wei­le und Miss­mut über das Wet­ter eine Aggres­si­vi­tät, die von den meis­ten unse­rer Grup­pe nicht wahr­ge­nom­men wurde.

Sie ent­lud sich in einer ziem­lich wüs­ten Schlä­ge­rei zwi­schen zwei Mit­glie­dern unse­rer Grup­pe. Einer der Betei­lig­ten war mein bes­ter Freund. Es hat nicht viel gefehlt und die Zahl der Betei­lig­ten an der Rau­fe­rei hät­te sich ver­grö­ßert. Danach war nicht alles gut. Es hat eine gan­ze Wei­le gebraucht, um die Lage zu beruhigen.

Jeder, der die­se Geschich­te viel­leicht in einer ähn­li­chen Form erlebt hat (ich sage mal Natio­nal­mann­schaft – Malen­te), wird sich vor­stel­len kön­nen, wie es sein muss, unter ganz ande­ren Bedin­gun­gen wochen- und mona­te­lang in Hal­len oder Zel­ten unter­bracht und dazu noch in sei­ner per­sön­li­chen Bewe­gungs­frei­heit stark ein­ge­schränkt zu sein.


Das ist stres­sig, und es weckt Aggres­sio­nen. Damit will ich aber nicht sagen, dass der „Tages­spie­gel“ recht gehabt hät­te, als er nach dem Ter­ror­akt in Ham­burg von letz­ter Woche die Umstän­de in dem betref­fen­den Asyl­be­wer­ber­heim für die Tat ver­ant­wort­lich machte.

Die Über­schrift des Arti­kels: „Wir konn­ten bei sei­ner Radi­ka­li­sie­rung zuse­hen“ legt zumin­dest nahe, dass nicht der Täter, son­dern die Umstän­de ver­ant­wort­lich waren. Viel­leicht war der Bei­trag anders gemeint?

Wie auch immer, die AfD pro­fi­tiert von sol­chen Erklä­rungs­ver­su­chen. Natür­lich auch dann, wenn sie gut gemeint sind. AfD-Fans bedan­ken sich artig für jede migran­ten­feind­li­che Anspra­che, um die­se sogleich in den sozia­len Netz­wer­ke ver­tei­len. Eine Win-Win-Win-Win-Situtation.

  1. Wären die nicht gekom­men (hät­te Mer­kel sie nicht rein­ge­las­sen), hät­ten wir die Pro­ble­me nicht
  2. Wir könn­ten all das schö­ne Geld neh­men, um die Woh­nungs­not im Land zu mil­dern (aber doch nicht unter Schäuble!)
  3. Es gäbe kei­ne Atten­ta­te oder ande­re Ver­bre­chen durch Migranten
  4. Last but no least: Mer­kels Poli­tik ist geschei­tert (#Mer­kel­Muss­Weg)

Von Storch mel­de­te heu­te via Twit­ter, dass die Gemein­de Wil­lich Richt­fest gefei­ert hat. Das liegt zwar schon zwei Mona­te zurück. Aber von Storch ist wohl für jedes Stich­wort dank­bar, dass sich gegen Migran­ten und ihre (beklopp­ten) Unter­stüt­zer ein­set­zen lässt.

Das hier ist noch einer der gemä­ßig­ten Kommentare:

Bed­burg, mein Hei­mat­ort, kann froh sein, dass Frau von Storch die hie­si­gen Akti­vi­tä­ten nicht mit­ge­kriegt hat oder dass sie ihr nicht von AfD-Fans gemel­det wurden.

Mei­ne Frau kam eben vom Ein­kauf zurück und erzähl­te mir, dass gleich neben dem Fried­hof in Qua­drath-Ichen­dorf eine Rei­he von Neu­bau­ten errich­tet wor­den sind. Jetzt woh­nen da Flüchtlingsfamilien.

Über­all im Land wer­den sol­che Objek­te zu bestau­nen sein. Und das birgt Sprengstoff.

Einer­seits kann ich ver­ste­hen, wenn dar­über Unmut ent­steht. Schließ­lich gibt es seit län­ge­rer Zeit in vie­len Gegen­den Deutsch­lands – vor allem in unse­ren Groß­städ­ten – einen Man­gel an bezahl­ba­rem Wohn­raum. Wenn aus­ge­rech­net in die­ser Pha­se so viel Geld (wahr­schein­lich Mil­li­ar­den von Euros) aus­ge­ge­ben wird, um Migran­ten unter­zu­brin­gen, macht das vie­le sauer.

Auch die, die von der Woh­nungs­not nicht direkt betrof­fen sind. Es ist eine mensch­li­che Reak­ti­on, die man aller­dings auch nicht tei­len muss.

Sol­che Bei­spie­le zei­gen auch, dass die dama­li­gen Ver­spre­chun­gen der Poli­tik (so lan­ge ist es noch nicht her) als blo­ße Beschwich­ti­gung ent­larvt sind. Wie wur­de doch gleich gesagt? Es darf am Woh­nungs­markt nicht dazu kom­men, dass Bezie­her unte­rer Ein­kom­men in Kon­kur­renz mit Flücht­lin­gen tre­ten. Das geschieht ja längst und jeder sieht es auch.

Die Ver­het­zung der Leu­te durch die AfD legt im Wahl­kampf an Dich­te und Tem­po zu.

Dabei ent­spricht die Lage dem, was wir alle mit­ein­an­der schon längst wuss­ten und wor­über sich vie­le unun­ter­bro­chen schon seit 2015 auf­re­gen. Da wir so vie­le Flücht­lin­ge / Migran­ten auf­ge­nom­men haben, sind wir gehal­ten, sie ver­nünf­tig unter­zu­brin­gen. Denn es ist klar, dass das in Lagern und Zel­ten auf Dau­er nicht funktioniert.

Bei uns im Ort sind es über­wie­gend Fami­li­en mit klei­nen Kin­dern, die in den bis­her gebau­ten Häu­sern woh­nen. Direk­te Kon­tak­te habe ich nicht. Aber wir sehen sie häu­fig beim Spa­zie­ren­ge­hen. Ich freue mich dar­über, was ich sehe.

Horst Schulte

2004 bin ich (63) unter die Blogger gegangen. Es sind nur wenige Jahre vergangen. Trotzdem bin ich in diesem Geschäft ein alter Hase.

Ich schreibe über gesellschaftliche und politische Themen. Hin und wieder gibt es bei 2bier auch was zum Thema Bloggen und Wordpress zu lesen.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare
  1. Über­all dort, wo Men­schen zusam­men­ge­pfercht leben und wenig Aus­lauf oder Pri­vat­sphä­re haben, ent­steht Kon­flikt­po­ten­ti­al, dass sich irgend­wann ent­la­den kann. Dazu gibt es Unter­su­chun­gen. Ich kann die Situa­ti­on in Flücht­lings­hei­men gut ver­ste­hen. Auch so eine Ghet­toi­sie­rung in Form von Neu­bau­ten für Flücht­lin­gen ist nicht gut. Eigent­lich soll­te man das wis­sen und die Leu­te gemischt unterbringen.
    Ich habe Jugend­her­ber­gen und Schul­land­hei­me auch gehasst. Der Drill, der Tee, der Geruch!
    LG
    Sabienes

  2. Sehr rich­tig, Sabie­nes. Wenn das mal ein paar mehr Leu­te so sehen wür­den. Natür­lich berech­ti­gen die Umstän­de in die­sen Hei­men und Woh­nun­gen trotz allem kei­ne Ver­bre­chen oder Atten­ta­te. Dass man das dazu sagen muss, ist nötig, weil vie­le nur dar­auf war­ten, dass Leu­te sich ver­ständ­nis­voll äußern. Aber es ist eben wie es ist.

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