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Lebensabend – Lebensmüh – Lebenspein Einen Menschen lieben, heißt einwilligen, mit ihm alt zu werden. (Albert Camus)

So gern ich manchmal über das Angebot von ZDF und ARD schimpfe, in den letzten Tagen habe ich zwei Filme gesehen, die mich länger beschäftigen werden. Ich betrachte das als Qualitätsmerkmale dieser TV-Filme. Claudia ist es ja vielleicht auch ein bisschen so ergangen.

Über den fragwürdigen Umgang mit alten und kranken Menschen reden wir schon viel zu lange ohne, dass sich bisher etwas Wegweisendes geändert hätte. Wir glauben uns bestens im Bilde, was die Gründe für die anhaltende Misere anlangt. Das System verfügt jährlich über Milliardenmittel. Dennoch fällt menschliche Zuwendung dem mörderischen Kostendruck zum Opfer. Daraus wiederum resultiert eine zusätzliche seelische Belastung für das Personal im Krankenhaus und in der Altenpflege. Hinzu kommt die ungerechte Bezahlung der Menschen, die sich dieser so wichtigen und schweren Arbeit verschrieben haben.

Ich sehe es so, dass wir bei dieser sattsam bekannten Analyse unsere eigene Verantwortung an den Zuständen übersehen. Wie stark ist Ihre persönliche Wertschätzung für die Leistung von Krankenschwestern, Pfleger und Altenplegerinnen und -Pfleger tatsächlich entwickelt? Bevor Sie diese Frage empört zurückweisen: Ist es nicht eher so, dass Sie es ebenso halten wie Sie es unseren Politikern vermutlich allzu gern vorhalten? Vergessen Sie diese unverschämte Unterstellung. Ich entschuldige mich dafür!


Die Stimmen, die nach Verbesserungen rufen, werden hörbar vielstimmiger und lauter. Leider hat sich bisher aber nichts Konkretes verändert? Oder mich haben Nachrichten über positive Entwicklungen aus Voreingenommenheit oder Nichtsnutz nicht erreicht. Meine persönlichen Erfahrungen sind in dieser Hinsicht jedenfalls nicht ermutigend.

Dabei gibt es doch Empathie in Hülle und Fülle. Wir empfinden Mitgefühl, Trauer, Schmerz, Hilfsbereitschaft. Und das nicht nur, wenn wir oder unsere nächsten Verwandten und Bekannten persönlich betroffen sind.


Zwischen den beiden Liedern, deren Texte ich unten aufgeführt habe und die viele von Ihnen vielleicht kennen werden, liegen einige Jahre. Die Coverversion des Pur – Hits „Wenn sie diesen Tango hört“ von 1991 von Daniel Wirtz sorgte 2015 für Furore. Solche Texte erreichen die Menschen. Ganz unabhängig davon, wie  jung oder alt sie sind.


Matthias Brandt spielte im letzten Polizeiruf 110 wieder einmal den Kriminalhauptkommissar Hanns von Meuffels.

Unter dem Titel „Nachtschicht“ entwickelte sich eine zunächst skurril anmutende Geschichte, die sich mehr und mehr zu einer Tragödie mit bedrückender Botschaft entwickelte.

Matthias Brandt übernahm in diesem Krimi die Rolle des Vermittlers zwischen der Gesellschaft und den grauen, „unsichtbaren“ Bewohnern eines dieser furchtbar traurigen Altenheime, in dem sich sicher viele von uns keinen Familienangehörigen und keinen Freund vorstellen können.

Der Film spielt während der Nachtschicht. Es scheint, als herrsche im Altenheim nicht nur aufgrund des Todesfalles eines der Bewohner eine eigenartige Betriebsamkeit. Von Meuffels alarmiert aufgrund der Aussage einer Dame mit fortgeschrittener Demenz einen Stab von Kollegen und Gerichtsmedizinern, die Meuffels Engagement in diesem Fall kopfschüttelnd quittieren. Im Gegensatz zu ihm folgten sie der offiziellen Version, die im Altenheim kursierte. Danach sollte der unbeliebte Bewohner einem unglücklichen Sturz zum Opfer gefallen sein.

Tipp:  Physisch und psychisch gepunktet

Die Zustände im Altenheim wirkten alles in allem seltsam vertraut, soweit man das als absolut Außenstehender so überhaupt sagen kann. Die permanente Überlastung des Personals (2 Männer, 1 Frau) war so präsent, wie das abgestumpfte Dahindämmern der Bewohner, die im Film eine Rolle spielten.

Von Meuffels begegnet im Lauf seiner Ermittlungsarbeit dem Bewohner Claus Grübner, der von dem von mir verehrten großartigen Schauspieler Ernst Jacobi dargestellt wurde. Dieser war früher ebenfalls Polizeibeamter. Grübner war Scharfschütze in einer SEK-Einheit. Der Mann galt im Altenheim nicht nur beim Personal als Querulant, weil er sich fortlaufend über die dortigen Zustände beschwerte, sondern weil er versucht hat, seine Mitbewohner für seinen „einsamen Kampf“ zu aktivieren.

Von Meuffels ermittelte mithilfe der alten Dame, zu der er in dieser Nacht eine fast freundschaftliche Beziehung aufbauen konnte, dass das Opfer von einer Altenpflegerin in Notwehr getötet wurde. Der Mann hatte sich der Frau zuvor bereits mehrfach sexuell genähert. Somit hatte es den Anschein, dass dieser Polizeiruf auch aufgrund der hartnäckigen Ermittlungsarbeit des Herrn Hauptkommissar von Meuffels ein nicht unerwartetes Ende gefunden hat, was aber mitnichten der Fall war.

Grübner hat, vielleicht auf unheimliche Art und Weise inspiriert durch den vor seinen Augen ablaufenden Kriminalfall, eine entsetzliche Möglichkeit gefunden, in seinem „einsamen Kampf“ ein grauenhaftes Fanal gegen die krassen Zustände in seinem Altenheim zu setzen. Und zwar eines, das von der Gesellschaft so schnell nicht verdrängt oder übersehen werden konnte.

Er tötete fast zwei Dutzend Heimbewohner und schließlich sich selbst.

Mit diesem Horror entließ der Regisseur die Zuschauer in die Nacht. Sicher werden viele diesen Film nicht sobald vergessen. Vielleicht sind drastische Fiktionen wie diese eine Möglichkeit, unsere Gesellschaft wachzurütteln?!

Liedtexte, die aufs Gemüt wirken

Wenn sie diesen Tango hört

von: PUR – 1991

Sie sitzt auf ihrem alten Sofa
aus der Wirtschaftswunder-Zeit.
Zwei Glückwunschkarten auf dem Tisch,
Dallas ist längst vorbei.
Alles Gute zum Einundsechzigsten
liebe Omi, Tschüss, bis bald.
Die Kinder sind jetzt groß und außer Haus
Die Wohnung ist oft kalt.

Irgendwas hat sie immer zu tun,
sie teilt sich die Hausarbeit ein
und jeden Abend schaltet sie ab
und das Fernsehen ein.
Das war nicht immer so
erst seit sie allein ist,
seit ihr Mann starb,
den sie mit feuchten Augen vermisst.

Sie hat so gern getanzt mit ihm
und manchmal, wenn es zu sehr weh tut,
legt sie ihre alte Lieblingsplatte auf
und tanzt ganz für sich.

Wenn sie diesen Tango hört,
vergisst sie die Zeit.
Wie sie jetzt lebt ist weit, weit entfernt,
wie ein längst verglühter Stern

Aus der Heimat verjagt und vertrieben,
nach Hitlers großem Krieg.
Sie hat kräftig mitbezahlt
für den deutschen Traum vom Sieg.
Dann der lange, harte Wiederaufbau
für ein kleines Stückchen Glück
Das lang ersehnte Eigenheim
und Kinder für die Republik.

Die sollten’s später besser haben,
deshalb packte sie fleißig mit an.
So blieb ihr oft zu wenig Zeit
für sich und ihren Mann.
Ein ganzes Leben lang zusammen,
gelitten, geschuftet, gespart.
Jetzt wär‘ doch endlich Zeit für mehr,
jetzt ist er nicht mehr da.

Sie hat so gern getanzt mit ihm
und manchmal, wenn es zu sehr weh tut
legt sie ihre alte Lieblingsplatte auf
und tanzt ganz für sich.

Wenn sie diesen Tango hört,
vergisst sie die Zeit.
Wie sie jetzt lebt ist weit, weit entfernt,
wie ein längst verglühter Stern 

Tipp:  GEZ - Kanäle 📺 mutieren zu Konservendiensten

Der alte Herr

von: Stephan Sulke  – 1976

Der alte Herr im fünften Stock ganz links
Der immer solche Mühe hat beim Gehn
Der aIte Herr im fünften Stock ganz links
Kann auch mit seiner Brille nicht viel sehn

Der sitzt dort oben ganz allein
Mit ein paar Photos aus ner andern Welt
Das wird wohl seine Tochter sein
Die ihren JÜngsten in den Armen hält
Und die lebt irgendwo in Südamerika
Und schickt nen „Lieber Papi“ Brief einmal im Jahr

Worauf wartet der denn bloss
Worauf wartet der denn bloss
Worauf wartet der denn bloss

Der alte Herr im fünften Stock ganz links
Der immer freundlich grüsst im Treppenhaus
Der alte Herr im fünften Stock ganz links
Der setzt sich manchmal an die Sonne raus-

Dort lebt der leise vor sich hin
Raucht Zigaretten, die er selber dreht
Macht ein paar Schritte ohne Sinn
Und fragt die Turmuhr, ob der Tag vergeht
Und in der Abendzeitung liest er ganz bestimmt
Zuerst mal nach, von wem man Abschied nimmt

Worauf wartet der denn bloss
Worauf wartet der denn bloss
Worauf wartet der denn bloss

Der alte Herr im fünften Stock ganz links
Der gestern in nem Kasten runterkam
Der alte Herr im fünften Stock ganz links
Und heute schaut der mich im Spiegel an

Krankenversicherungen
Wie soll man einem Amerikaner die Frage beantworten, wie viele Deutsche gegen eine Krankenversicherung sind? Würde diese…
Wahlen
Welches Zeugnis stelle ich unserer rot/grünen Regierung aus? Schließlich habe ich die schon zweimal gewählt! Was mache…

Horst Schulte

Ich blogge seit 2004. Am liebsten schreibe ich über gesellschaftliche und politische Fragen. Aber ab und an gibt es hier auch etwas zum Thema Bloggen, Wordpress und ein paar Fotos.

Meine ersten Gehversuche als Blogger machte ich mit den Blogs finger.zeig.net, später mit querblog.de und noch etwas später mit netzexil.de

Dieser Beitrag hat 10 Kommentare
  1. … ein Krimi der eigentlich kein Krimi war.
    Sehr beklemmend und düster und sicherlich sehr nahe an der Wirklichkeit. Vielleicht ein wenig überspitzt (manchmal), aber es war ja ein Film der unterhalten sollte.
    Selten hat mich ein Film im Nachgang so sehr beschäftigt. Ich hatte ihn noch nicht einmal am Sonntag gesehen, nur eine Notiz auf einer Nachrichtenseite brachte mich dazu, ihn in der Mediathek anzuschauen. Ich habe es nicht bereut!
    Ein gesellschaftskritischer Film mit sehr viel Tiefgang und wie bereits erwähnt – das Graue, das Düstere (was nicht an der Nacht im Krimis lag), dieses merkwürdige Gefühl welches sich immer mehr in der Magengrube ausbreitete.
    Vielen Dank für diesen gelungenen Beitrag.
    Gruß
    Ede

  2. Ich schaue nicht mehr TV. Im Grunde seit den späten Neunzigern.
    Vorher war ich reger Konsument der TV-Programme, WDR, ARTE, SWR ect. , hatte 380 VHS-Kassetten, akribisch verwaltet und immer wieder upgedatet, wenn ein festgehaltener Beitrag es mir nicht mehr wert war.

    Das Schauen findet heute bei uns im Arthouse-Kino statt. Da ist man zudem ausser Haus, was deutlich erfrischend wirkt.
    Daher kann ich wenig zum Pflegedilemma des TV-Beitrags sagen.

    Mein Vater war vor über 15 Jahren in einem Heim. Er konnte sich nicht einbringen/kam nicht klar, obwohl ich ihn oft besuchte.
    geraten. Aber: Was bleibt einem übrig? Wenn man es nicht „schafft“, nicht dement zu werden, dann gibt es wohl nur diese Einbahnstrasse.
    Leute! Das Leben ist kein Zuckerschlecken. Vielleicht hat man auch zuviel Erwartungen, am geeignesten soll das Leben vollkommen abgefedert sein gegen alle Widrigkeiten. Da hatten frühere Generationen ganz andere Erfahrungen. Deren Leben war ein Flickerlteppich, to say the least.

    Das nur dazu. Letzlich nur ein emotionales Statement.

    1. Ich lerne immer mehr Menschen kennen, die nicht mehr fernsehen. Ehrlich, ich bewundere das. Ohne Fernsehen wäre ich nicht glücklich. Anstöße wie diesen Film sollte es andererseits nicht brauchen, um gesellschaftliche Veränderungen zu erreichen. Aber wenn dieses Medium schon mal da ist…

      Das mit dem Zuckerschlecken stimmt. Nur – muss das zum Ende des Leben denn so laufen? Die Frage mag naiv sein. Ich mache mir mit 63 als Kinderloser schon meine Gedanken angesichts der Entwicklungen. Auf der anderen Seite weiß ich natürlich auch, dass Kinder vor einem einsamen Ende (wie im Film) nicht bewahren. Es wäre schön, wenn man die Generationen zusammenhalten würde. Ob das zu idealistisch gedacht ist (früher mal war das ja so normal) weiß ich nicht. Ich denke an Mehrgenerationenhäuser oder an Wohngemeinschaften. Solche Konzepte wären eine gute Sache. Trotzdem wird es aber natürlich immer Menschen geben, die in Altenheimen leben und dort sterben.

      1. Mehrgenerationenhäuser.
        Da denke ich, daß jemand, der zu den Jüngeren einer solchen Wohngemeinschaft gehört, die Bürde der Versorgung hat. Ob „hinter ihm“ neue hinzukämen, das wäre nicht gewiss. Kann sein, daß er das Schlußlicht bleibt. Wer würde denn dafür sorgen, daß die Bewohnung stets im Fluß bleibt? Wer würde da so ohne weiteres als junger Mensch einziehen wollen?
        Ich kenne jemanden, der an die 30 (!) Jahre gepflegt hat, immer im Verwandschaftskreis. Reihum sozusagen.

        1. Wahrscheinlich ist das so. Aber mein Gedanke beruht nicht darauf, dass andere für mich (den Alten) die Arbeit machen, sich kümmern sollen. Oder vielleicht doch? Mir geht es eher um das Zusammenleben und die Teilnahme am „normalen“ Leben. Ich habe (auch im TV) mal einen Bericht über solche Einrichtungen gesehen. Da wohnten alte Leute mit jungen Paaren mit kleinen Kindern. Die Leute (jung wie alt) klangen geradezu euphorisch, wenn sie über die Vorteile des Zusammenwohnens gesprochen haben. Nur – wollen muss man das erst einmal. Und vielleicht gibt es dafür nicht viel Bereitschaft.

      2. Ohne TV hätte ich deutliche Defizite in Sachen Weiterbildung / Allgemeinbildung. Die vielen Dokus zur Geschichte, zu den Erkenntnissen der Wissenschaften (von Archäologie bis Quantenphysik), zur Entwicklung unseres Weltverständnisses und die Sendungen über das, was in der Welt / vielen anderen Ländern vorgeht – also das könnte und möchte ich mir nicht am PC-Screen zusammen klauben müssen.
        Oft denke ich angesichts einer angekündigten Doku: Ach, kenn ich schon, alles schon gesehen – um dann erstaunt festzustellen, dass es ein deutliches Update in den Erkenntnissen gegeben hat.
        Früher war ich auch mal TV-Gegnerin und hab Jahre lang fast gar nicht geschaut – heute möcht ich nicht mehr ohne! So ändern sich die Haltungen…

  3. Hallo Ede,
    herzlich Willkommen bei 2bier.
    Ich empfand den Film genauso. Ein paar Kritiken habe ich nach gelesen. Sie waren durchweg positiv. Vielleicht bewegen solche Botschaften, wenn sie häufiger wären, etwas. Wir brauchen auch an diesem Ende unbedingt schnell Änderungen.

    Danke für das Lob. Ich habe mich sehr darüber gefreut.

  4. Es ist ja schön und gut, wenn Missstände in Filmen thematisiert werden. Damit erreicht man gerade bei Formaten wie „Polizeiruf 110“ eine breite Öffentlichkeit.
    Aber bringt das wirklich so viel? Im „Tatort“ wurde ja auch sehr häufig Ausländerfeindlichkeit und Rassismus thematisiert, aber die Problematik ist geblieben.
    LG
    Sabienes

  5. Es wäre ein Missverständnis, wenn ich durch meinen Text den Eindruck erweckt hätte, dass durch den Film irgendwas verändert würde. Vielleicht rührt das daher, weil ich die Intention des Herrn Grübner herausgestellt habe. Er hat versucht über die von ihm veranstalteten Wahnsinnstat Aufmerksam und Veränderung zu erreichen.

    Filme verändern nichts. Ebenso wenig wie Bücher. Wo ist das gerade so schreibe… stimmt das wirklich?

Ich freue mich auf Ihren Kommentar.

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