Menschliche Abgründe

Leu­te, deren Asyl­ver­fah­ren rechts­gül­tig abge­schlos­sen sind und die kein Blei­be­recht besit­zen, sol­len abge­scho­ben wer­den. Das ist nach all­dem, was vor­ge­fal­len ist, Allgemeingut.

Wenn ich bei Pro Asyl und ande­ren NGOs etwas dar­über lese, was die­ser Vor­gang für die betrof­fe­nen Men­schen mit sich bringt, kom­men mir Zwei­fel an die­sen Prin­zi­pi­en. Zwei­fel an der Recht- und Sinn­haf­tig­keit sind es nicht, die mich in die­ser Bezie­hung beschäf­ti­gen. Eher geht es dar­um, wel­che Aus­wir­kun­gen die Ver­fah­ren für die betrof­fe­nen Men­schen haben. Die, die das wis­sen wol­len, die die ent­spre­chen­den Berich­te in Zei­tun­gen oder im TV mit offe­nen Augen ver­fol­gen, wer­den die Lage, das Lei­den die­ser Men­schen nach­emp­fin­den und ihre eige­ne Hal­tung dazu ent­wi­ckelt haben. Und es wird ihnen egal sein, wenn sie dafür als Gut­men­schen dif­fa­miert wer­den. Aber die Mehr­heit in Deutsch­land ist wie sie ist. Für Mit­mensch­lich­keit ist es eng geworden.


In der Nacht klin­gelt es an der Woh­nungs­tür. Eine Grup­pe von Poli­zis­ten, teils in Uni­form, teils in Zivil infor­miert den Fami­li­en­va­ter, dass die Abschie­bung aus Deutsch­land jetzt voll­zo­gen wer­de. Die ältes­te Toch­ter wen­det sich ent­setzt an ihren Vater: „Das kön­nen die doch nicht machen“. „Doch, kön­nen die“, ant­wor­tet dieser.

Die ver­ängs­tig­te Fami­lie packt in aller Eile eini­ge Sachen zusam­men und wird von einem uni­for­mier­ten Beam­ten dar­auf hin­ge­wie­sen, dass ein Gepäck­stück mehr als 20 kg schwer sei. Es müs­se etwas aus­ge­packt wer­den. Wenn ich den Gesichts­aus­druck rich­tig erkannt und gedeu­tet habe, hat es dem Poli­zis­ten Spaß gemacht, die Leu­te damit zusätz­lich unter Druck zu setzen.

Lan­ge hat mich ein Fern­seh­film nicht mehr so gefes­selt wie „Toter Win­kel“ von Hans W. Geißendörfer.

Die bereits erwähn­te ältes­te Toch­ter der Fami­lie ent­kam den Poli­zis­ten und such­te Unter­schlupf bei einem Klas­sen­ka­me­ra­den. Wäh­rend ihrer Flucht wur­de ein Ver­fol­ger von einem LKW überfahren.

Am nächs­ten Mor­gen beginnt die Geschich­te mit dem Blick auf ein klein­städ­ti­sches Idyll. Es spricht sich schnell her­um, dass der Sohn eines ört­li­chen Geschäfts­man­nes bei einem Ver­kehrs­un­fall durch einen LKW getö­tet wur­de. Die Fra­ge danach, was der Mann nachts zu Fuß auf die­ser Land­stra­ße zu suchen hat­te, lös­te beim Zuschau­er unmit­tel­bar einen bösen Ver­dacht aus.

Mein ers­ter Gedan­ke war, dass die Poli­zis­ten sich für ihre nächt­li­che Abschie­be – Akti­on eini­ge befreun­de­te Zivi­lis­ten zur Unter­stüt­zung mit­ge­nom­men hät­ten… Nun ja.

Nach­dem die stän­di­gen Ver­su­che der ältes­ten Toch­ter der koso­va­ri­schen Fami­lie tele­fo­ni­schen Kon­takt mit ihren Eltern auf­zu­neh­men bis auf weni­ge und ver­däch­ti­ge Text­nach­rich­ten geschei­tert waren, kam in mir der schreck­li­che Ver­dacht auf, der sich im wei­te­ren Ver­lauf des Films zur mör­de­ri­schen Gewiss­heit entwickelte.

Die tra­gi­sche Fami­li­en­ge­schich­te, die den Mit­tel­punkt die­ser Geschich­te bil­de­te, hat mich schon auch in Atem gehal­ten. Aber die mons­trö­sen mensch­li­chen Abgrün­de, die sich im Film zeig­ten, haben mich viel stär­ker bewegt.

Die Fik­ti­on war erschre­ckend. Mei­ne Frau frag­te, ob poten­zi­el­le Täter durch sol­che Fil­me nicht erst zu sol­chen Taten „inspi­riert“ wür­den. Wer kann das ausschließen?Die Taten des NSU haben gezeigt, dass Mons­ter exis­tie­ren, die aus kru­den Über­zeu­gun­gen her­aus Din­ge tun, die sich die wenigs­ten von uns über­haupt vor­stel­len können.

Die Pro­vinz­na­zis (alles gute Jungs) im Film haben eine kom­plet­te Fami­lie aus­ge­löscht. Nach­dem durch den Vater (Her­bert Knaup – gut wie nie) eines Mit­tä­ters die mons­trö­se Tat auf­ge­deckt wur­de, war die Grup­pe ent­schlos­sen, auch das noch leben­de letz­te Mit­glied der unglück­li­chen Fami­lie in ihrem Nazi­wahns zu töten. Man woll­te ja nicht mehr nur reden, son­dern end­lich etwas tun.

Horst Schulte

2004 bin ich (63) unter die Blogger gegangen. Ich schreibe über alle möglichen Themen. Politik, Medien und Gesellschaft dominieren dabei.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare
  1. Mei­ne Auf­fas­sung zu „Mensch­li­che Abgrün­de „Toter Win­kel“ geht dahin, dass die häss­lichs­te Sei­te des Men­schen – spe­zi­ell cha­rak­ter­lo­se, wil­lens­schwa­che – sich immer zeigt, wenn er Macht über ande­re erhält, ohne selbst Stra­fe zu fürch­ten, voll­kom­men unab­hän­gig von Natio­na­li­tät, Reli­gi­on oder eth­ni­sche Herkunft.
    Und was die Moral unse­rer Zeit­ge­nos­sen, qua­si beson­ders unse­re heu­ti­ge Jugend, betrifft:
    „Zeig mir, mit wem Du gehst und ich sage Dir, wer Du bist“. Das heißt, dass man sehr gut am selbst­ge­wähl­ten Umgang erken­nen kann, mit wem man es zu tun hat.
    Das muss lei­der jeder, was sein Gewis­sen anbe­langt, mit sich sel­ber vereinbaren.

  2. Das heißt, sol­che Men­schen wür­den ihre Gewalt und Bos­haf­tig­keit nur in sol­chen Gesell­schaf­ten aus­le­ben, in denen sie sich rela­tiv sicher sein kön­nen, dass ihnen nichts pas­siert? Nun ist die­ser Staat in vie­ler­lei Hin­sicht aber doch immer noch wehr­haft. Er bestraft sol­che Men­schen, wenn er ihrer hab­haft wird und sperrt sie weg. Aber ich glau­be, dass das gesell­schaft­li­che Kli­ma eine gro­ße Bedeu­tung hat. Unser Land hat sich in mei­nen Augen in die­ser Bezie­hung nega­tiv ver­än­dert. Das zei­gen ja einer­seits die Umfra­gen und ande­rer­seits auch die Gleich­gül­tig­keit die zwei Jah­re nach der Hoch­zeit der Flücht­lings­kri­se gegen­über mensch­li­chen Schick­sa­len existiert. 

    In mei­nem Freun­des­kreis fan­den sich kei­ne Rech­ten. Dar­auf hät­te ich gewet­tet. Heu­te weiß ich, dass es nicht so war. Die sind überall.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.