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Schade, dass ihr anderer Meinung seid

Gott sei Dank gibt es Autoren, die viel besser schreiben als ich und die deshalb (leider) auch das Pech haben, mehr Kommentare – in diesem Fall recht unfreundliche – zu erhalten. Ich registriere also in aufrichtiger Dankbarkeit, dass es ein paar Leute gibt, die meine Meinung teilen und die sich für Gerald Hensel und indirekt für Scholz & Friends aus dem Fenster legen.

Ich hatte etwas zu früh aufgegeben und gedacht, dass die Rechten ihre Deutungshoheit, Sicht der Dinge (oder wie sollte man diesen Ultra-Shitstorm der Rechten sonst nennen?) in einem Maße durchgesetzt hätten, dass jeden Widerspruch sinnlos erschienen ließ.

Wir haben uns in dieser Situation als Arbeitgeber hinter Gerald gestellt. Warum? Im Namen der Meinungsfreiheit versuchen die Gegner der Aktion einen unserer Mitarbeiter mundtot zu machen („Schmeißt ihn sofort raus!“). Im vermeintlichen Kampf gegen einen Boykott freier Medien rufen sie selber zu einem Boykott unserer Agentur und unserer Kunden auf. Zur angeblichen Verteidigung der Demokratie verwenden sie Mittel der Einschüchterung, Bedrohung und Beleidigung. Das ist menschenfeindliches und undemokratisches Verhalten. Und dagegen stellen wir uns. Wir machen uns damit aber ausdrücklich nicht zum Absender der kontrovers diskutierten Aktion.Quelle: Scholz & Friends: Jetzt spricht der Chef von Gerald Hensel | W&V | LINK

Es gibt ein paar Stimmen, die gut beschrieben haben, wie das Spiel im Internet inzwischen immer läuft. Während ich wieder mal  zu viel Wissen über den Vorgang vorausgesetzt habe, gingen diese Autoren so vor, dass sie zuerst einmal die Absichten Gerald Hensels beschrieben haben.

Aha, „Deutschland” und das „deutsche Volk“ soll wieder gesagt werden dürfen. Aber mal ehrlich: Wer hat es je verboten? Was wir hier erleben, ist der Versuch, unter der Fahne „Meinungsfreiheit“ rechtspopulistische Themen salonfähig zu machen. Das ist sicher noch nicht Extremismus. Aber wenn dieses Bestreben erst einmal Erfolg hat, was kommt dann? Wo und wie zeigen wir dann, dass wir Deutsche sind? Und was fangen wir damit an? (Dumme Frage: Wieso ist es eigentlich wichtig, deutsch zu sein?) Eine intellektuelle Rechte, die sich „liberal-konservativ“ nennt, möchte angeblich die Demokratie retten, und ist in Wahrheit der Bodenbereiter für eine immer weiter nach rechts rückende bürgerliche Mitte. Warum soll die dann noch die Volksparteien und nicht gleich die AfD wählen?Quelle: „Kein Geld für Rechts“ – Ist die Meinungsfreiheit in Gefahr? | BILANZ | LINK

Gut, im Endeffekt zählt auch das nicht. Argumente passen nur, wenn rechte Gesinnungsgenossen sie vorbringen. Deshalb könnte es ihnen peinlich sein, wenn ausgerechnet sie andauernd einen „Kampf für die Meinungsfreiheit“ führen.  Aber das ist nicht der Fall. Ausgerechnet die Autoren der Websites und Blogs, die die Polarisierung in Deutschland maßgeblich mit bewirkt haben, schwingen sich hier zu Rettern der Demokratie auf. Lächerlich geht es nicht.

Gerald Hensel dagegen, ist ein Aktivist ohne all deren Macht. Er kann Unternehmen nur auf deren Werbe-Partner hinweisen und sagen: „Meint ihr, dass ihr in diesem Umfeld werben wollt?“ Scheinbar wollen das viele der Firmen wirklich nicht. Denn auch die wissen, dass Hassprediger, AfD-Sympathisanten und Weltuntergangs-Herbeischreiber kein Umfeld sind, in dem weltoffene Unternehmen werben wollen und sollen. Diese Firmen ziehen also freiwillig ihre Budgets zurück und setzen diese an besserer Stelle ein. Ohne Zwang, ohne gröhlende Uniformträger, ohne Gewaltmonopol. Einfach aus Einsicht.Quelle: Der politische Werber lebt. | Siegstyle | LINK

Linken wird permanent vorgeworfen von einer Warte moralischer Überlegenheit herunter zu argumentierten. Dabei machen Broder, Maxeiner oder Tichy und die große Masse ihrer Unterstützer genau das.

Mein Weltbild hat die Reaktion auf Herrn Hensels Aktion gefestigt. Dabei galt ich längst als unbelehrbarer, linksversiffter Gutmensch. Meine Devise seither: Wilhelm Busch oder Bert Brecht haben schon gewusst, dass es sich prima damit lebt, wenn der Ruf erst einmal ruiniert ist.

Ich bin nicht bereit, meine Überzeugungen aufzugeben, nur weil in Deutschland Rechte mehr und mehr die Oberhand zu gewinnen scheinen. Mein Ärger über die, die sich von Hensels Aktion so angepisst gefühlt haben, ist schon verdammt viel älter. Ich muss dazu sagen, dass meinen Überzeugungen weniger ideologische, sondern viel mehr menschliche Gründe zugrundeliegen. Es passt den Rechten natürlich besser ins Konzept, dass es in den Diskussion meistens darum geht, welche politische Orientierung jemand zu haben scheint.

Auf mich trifft der Begriff Gutmensch insofern voll und ganz zu. Jedenfalls versuch ich es nach besten Kräften. Nicht nur mit dem Mund oder im Beitrag.

Intelligente, tolerante, kreative und vor allem weltoffene Menschen, die nicht einfach schweigen, wenn um sie herum gerade versucht wird gesellschaftliche Errungenschaften wie Gleichberechtigung, Inklusion oder Toleranz gegenüber sexueller Orientierung wieder zurückzudrehen.Quelle: Der politische Werber lebt. | Siegstyle | LINK

Ich war und bin ein sentimentaler Mensch, einer der vielleicht etwas schnell Mitgefühl entwickelt, sogar mit Leuten, die ich unter normalen Umständen gar nicht leiden kann. Ich bilde mir ein, dass ich aus dieser Haut auch nicht herauskommen würde, wenn ich über bessere intellektuelle Fähigkeiten verfügen würde. Die werden einem heutzutage von jedem Kontrahenten als erstes abgesprochen. Erst danach geht es ans Eingemachte.

All die herz- aber hirnlosen Argumente, die so viele Kommentarschreiber absondern, erzeugen bei mir nur noch Widerwillen und manchmal auch echte Verzweiflung. Wie können sich Menschen so aufführen?

Andere können neue Wege finden, wie Gerald Hensel. Wichtig ist, dass wir uns nicht einschüchtern lassen, weil die Neurechten sehr laut werden können. Und sehr hassvoll. Sie meinen zwar, dass es nur eine Einheitsmeinung gibt und sie keine Stimme hätten, dafür ist ihre Stimme im Netz zum Teil penetrant laut. Sie kapern die Kommetar-Spalten und machen sie zu einer Mono-Kultur ihrer Weltsicht.Quelle: Der politische Werber lebt. | Siegstyle | LINK

Etwas anderes,  als mit meiner Meinung Kopfschütteln zu verursachen, werde ich auf für diesen Text nicht kriegen. Trotzdem habe ich ihn geschrieben. Da ist eine ähnliche Intention wie eben bei Roland Tichy, der tatsächlich in diesem Kontext schrieb: »Das erschreckende an diesem Text ist, dass er geschrieben werden muss. In diesen Tagen gerät die Meinungsfreiheit in Deutschland in Gefahr.  «  Eine Nummer kleiner haben die Rechten es einfach nicht.

Der Westen, sagt Erdogan, ärgert sich darüber, dass die Türkei so mächtig und wirtschaftlich erfolgreich wäre. Witzig, der Mann fällt auf seine eigene Zensur rein. Er sollte mal Zeitung lesen. Nur eben besser keine türkische. Deutschland ist der wichtigste Exportpartner der Türken. In der Türkei existiert ein großes Handelsbilanzdefizit, das bei den…
"Dem haben wir es mal richtig besorgt, dem Hensel." Ich glaube, anspruchsvoller geht es in den Köpfen der Leute nicht zu, die mit Zehntausenden von Hasstweets, Kommentaren, Postings oder Mails zur Jagd auf Hensel geblasen haben. Hensel, der es gewagt hatte, Werbekunden darauf hinzuweisen, auf welchen Seiten da für ihre Produkte geworben wird.…

Horst Schulte

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Da habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin 63 Jahre alt und lebe in einem kleinen Ort, nicht weit von Köln entfernt. Meine Hauptthemen hier im Blog sind Gesellschaft, Politik und Medien.

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