Spieglein, Spieglein An Die Wand

Die Wochenzeitschriften »Stern«, »Focus« und »Spiegel« haben rückläufige Auflagen. Lediglich die »Zeit« kann leichte Zuwächse verzeichnen. Das geht vielen Zeitungen so und deshalb wird über die Zukunft des Journalismus viel nachgedacht und diskutiert.

Nicht nur eine Frage der Qualität?

Nicht nur der »Spiegel«, auch viele andere Zeitschriften, werden im Internet regelmäßig wegen ihrer angeblichen Qualitätsmängel hart kritisiert. Beim »Spiegel« ist es besonders schlimm. Da ist die Rede vom »ehemaligen Nachrichtenmagazin« oder vom »Spiegel am Montag«. Jeder glaubt, er müsste mal, was Kritisches zur Qualität des früheren Sturmgeschützes der Demokratie zum Besten geben.

Jens Berger hat jetzt sein Abo gekündigt. Das ist ihm einen Artikel eine Breitseite gegen das Traditionsblatt wert: Bye, bye SPIEGEL! | NachDenkSeiten – Die kritische Website.

Der »Spiegel« soll demnach neoliberale PR gemacht haben und noch machen. Nur mit seiner Hilfe hätte Schröder seine Agenda 2010 einer kritischen Öffentlichkeit und den SPD-Mitgliedern verkaufen können. Ich habe schon viele Artikel gelesen, die mir nicht gefallen haben – sowohl in der Print-Version als auch in der Online-Ausgabe. Aber diese Behauptung teile ich nicht!

Spiegel = neoliberal

Stimmt das, klingen »Spiegel-Titel« nach neoliberalen Inhalten? Ich dies auch anhand der Titelgeschichten der beiden abgedruckten Titelbilder nicht nachvollziehen. Es gab damals (2003) genug Anlass für Journalisten, einen Ausbruch aus den festgefahrenen politischen Bahnen anzumahnen. Der »Spiegel« soll die Blaupause für die Agenda 2010 geliefert haben. Das ist aber doch zu viel der (fragwürdigen) Ehre! Demnach stellt eine Regierung also ihr Regierungsprogramm auf die Empfehlungen eines Magazins ein. Dann hoffe ich mal, dass der »Cicero« dem Spiegel nie den Rang ablaufen wird.

Wenn es stimmt, dass der »Spiegel« Politik also nicht nur beschrieben, sondern sie praktischerweise gleich gemacht hat, müsste man diesen Vorwurf dann nicht gleich auf alle anderen Medien auf der ganzen Welt ausweiten? Die Grenzen von Information und Meinung waren sicher schon immer schon fließend. Heute scheinen wir dafür – ich will es mal so nennen – ein anderes Gespür entwickelt zu haben. Und die wachsende Zahl von Weltverschwörungstheoretikern wäre damit bestens versorgt.

Meinung statt Information

Meinungsstarke Journalisten, wie beispielsweise der kürzlich verstorbene Peter Scholl-Latour oder viele seiner Kolleginnen und Kollegen haben früher™ doch ebenfalls nicht nur neutral Bericht erstattet. PSL hat aus seiner Meinung zu den Dingen nie einen Hehl gemacht. Und das gehört auch zu einem guten Journalismus dazu. Auch heute das Gegenteil gesagt wird. Man möchte objektiv informiert werden. Jede Geste eines Nachrichtensprechers, jedes Augenzwickern könnte als Wertung als Kommentar verstanden werden. Mitunter hat man das Gefühl, dass die Betonung eines Satzes durch Mariette Slomka eine Staatskrise auslösen könnte.

Aber solche Vorwürfe funktionieren im Internet immer fantastisch. Das große Verschwörungsszenarium läuft auf Hochtouren. Die alten Männer, die nur Krieg wollen, damit sie kein Geld verlieren und die Frauen, die ihnen dabei assistieren (Merkel und von der Leyen) sind namentlich bekannt. Nicht Herr Wecker? Oder Putin, der Friedensengel, dem Staatsfunk und gleichgeschaltete Medien immer nur ans Bein pinkeln wollen.

Wir sind immer mehr geneigt, niemandem mehr zu glauben. Die bedeutenden Medienvertreter stehen als bevorzugte Objekte im Zentrum unserer Kritik. Im Grunde glauben wir an gar nichts mehr. Ob Personen oder Institutionen – jeder wird mit größtem Misstrauen beäugt und jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Wir befinden uns in einer Vertrauenskrise erster Güte.

Folgen wir eigentlich selbst diesem Anspruch? Wie steht es um unsere eigene Objektivität? Die Frage ist rhetorischer Natur. Das erwarten wir nur von anderen.

Der “Spiegel”-Redakteur von Welt hat nicht viel mit seinen prekären Kollegen anderer Blätter gemein – er gehört qua Einkommen der oberen Mittelschicht an, die ja seither glaubt, sie selbst gehöre zur Oberschicht. Und wer meint, selbst zur Elite oder zumindest zur Zielgruppe der FDP zu gehören, ist wahrscheinlich auch für derlei gruppendynamische Phrasen empfänglich LINK
Bye, bye SPIEGEL! | NachDenkSeiten – Die kritische Website

Elite des Journalismus

Das hier unterstellte elitäre Denken von »Spiegel«-Journalisten passt vorzüglich zum Vorwurf, neoliberales Denken im Blatt zu verbreiten. Ich habe einen anderen Eindruck. Selbstverständlich kommt Berger bei der Gelegenheit auf Blomes Verpflichtung durch den »Spiegel« zu sprechen. Das passt wunderbar ins gezimmerte Verständnis vom vermeintlichen Rechtsruck beim »Spiegel«.

Erst am Schluss fällt ein Hinweis darauf, dass der »Spiegel« sich auf existenzsichernden Pfaden befindet, wie es bei den meisten anderen Blätter ebenfalls der Fall ist.

Da Büchner immerhin ein Jahr lang Interimschef des luftigen Netzablegers “Spiegel-online” war, der zwar kaum Geld verdient aber sagenhafte Klickraten vorweisen kann, ist er im Verlag natürlich der Mann fürs Digitale. LINK
Bye, bye SPIEGEL! | NachDenkSeiten – Die kritische Website

Zensur: Klickrate eins, Info fünf

Die »sagenhaften Klickraten« von »Spiegel Online« bringen mich zu einer vielleicht voreiligen aber doch nicht ganz so weit hergeholten Schlussfolgerung: Zeigt sich an diesen Klickraten nicht so etwas wie ein Grundvertrauen der LeserInnen in den Anbieter? Vielleicht spricht das auch nur dafür, dass man beim »Spiegel« marktwirtschaftliche Gesetze verstanden hat und diese dort vorzüglich umgesetzt werden. Das klingt jetzt so, als wäre ich Fan dieser Mechanismen. Das ist nicht der Fall.

Oder woran liegt es, dass diese Quelle, soweit ich weiß, mit Abstand die beliebteste Informationsquelle im Internet ist? Kann das evtl. mit Qualität etwas zu tun haben? Aber dafür schimpfen wir ja doch alle eigentlich viel zu oft und zu gern über den Mist, den »Spiegel Online« wieder mal veröffentlicht hat.

Auch der »Spiegel« kämpft ums Überleben. Wir spielen als potenzielle Kunden in diesem Kampf um die Jobs von vielen Menschen auch eine verdammt große Rolle. Schon deshalb fände ich ein bisschen mehr Fairness angemessen.

Quelle: Alexa
In manchen Quellen werden die Springer-Produkte »Bild.de« und »Welt.de« Online an Platz 1 und 2 geführt. Bei Alexa sieht »Spiegel.de« bei News-Angeboten ganz vorn.
Foto von: stevepb / Pixabay

Horst Schulte

2004 bin ich (63) unter die Blogger gegangen. Es sind nur wenige Jahre vergangen. Trotzdem bin ich in diesem Geschäft ein alter Hase.

Ich schreibe über gesellschaftliche und politische Themen. Hin und wieder gibt es bei 2bier auch was zum Thema Bloggen und Wordpress zu lesen.

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