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Tichys Einblick: 2. Artikellöschung — diesmal nach Protesten

Die Zeit des Inne­hal­tens ist schon fast ver­ges­sen, falls es sie im Inter­net über­haupt noch gibt. Der lau­te Streit übers Übli­che ebb­te zwi­schen Weih­nach­ten und Neu­jahr ab. Mein Ein­druck mag dar­auf zurück­zu­füh­ren sein, dass ins­ge­samt weni­ger los war. Das war bis­her immer so.

Die hys­te­ri­schen Blog­bei­trä­ge und die Spitz­fin­dig­kei­ten in den sozia­len Netz­wer­ken haben gleich nach dem Atten­tat von Ber­lin begon­nen, sich auf­zu­schau­keln. Das war natür­li­ch vor­aus­zu­se­hen. Auch, dass die damit ein­her­ge­hen­den For­de­run­gen an die Poli­tik zum The­ma inne­re Sicher­heit an Schär­fe zuneh­men wür­den.

Das Sta­di­um der Appel­le, nicht zu ver­all­ge­mei­nern, haben wir inzwi­schen ver­las­sen. Dem kol­lek­ti­ven Scho­ck folg­te die Hys­te­rie. Aus ihr wur­de Angst, aus Angst noch mehr Hass.

Puf­fer zwi­schen den Streit­häl­sen bil­den nur­mehr Tas­ta­tur und Bild­schirm.

Was küm­mern uns die Appel­le von Ver­an­wor­tungs­trä­gern? Sie sind mit unse­rem Wil­len, nicht gegen «die Flücht­lin­ge», «die Aus­län­der» oder «die Mus­li­me» zu het­zen, die zu Mil­lio­nen in Deutsch­land mit uns zusam­men­le­ben, nicht mehr im Ein­klang. Da über­rascht das Umfra­ge­er­geb­nis, dass 73 % der Deut­schen sich eher sicher füh­len. Das Sam­mel­be­cken der Angst­ha­sen und Wut­bür­ger wur­de klar iden­ti­fi­ziert.

Nichts­des­to­trotz: wir krie­gen es immer immer weni­ger auf Rei­he, uns ver­nünf­tig und ange­mes­sen über die wich­ti­gen Fra­gen unse­rer Zeit aus­ein­an­der­set­zen. Die Bedro­hung durch den isla­mis­ti­schen Ter­ror inbe­grif­fen. Statt­des­sen attes­tie­ren wir uns gegen­sei­tig son­st etwas.

Jetzt — 3 Jah­re nach mei­nem Aus­tritt — ste­he ich vor den Trüm­mern einer Debat­ten­kul­tur, die ich selbst mit­ge­prägt habe und es macht mich trau­rig. Der Hass, die Ver­let­zun­gen, all das. Und mir wird klar, dass es viel­leicht zu spät ist.Quel­le: Julia Schramm — An man­chen Tagen schaue ich ins Inter­net und den­ke… 8.01.2017 | LINK 


Egal, wel­chem poli­ti­schen Stand­punkt man haben mag, wir haben uns an die­se Art des gegen­sei­ti­gen Has­ses und an die zwangs­läu­fig hier­aus resul­tie­ren­den Ver­let­zun­gen schein­bar gewöhnt.

Bis­her habe ich (63) in mei­nem Leben nie mehr Ableh­nung per­sön­li­cher oder poli­ti­scher Posi­tio­nen erfah­ren wie heu­te. Doch, das ist schlimm. Ich emp­fin­de es so.

Auch bei mir sieht es nicht anders aus. Ich ertap­pe mich bei Dis­kus­sio­nen, die ich im RL ohne­hin nur noch mit weni­gen ver­trau­ten Men­schen noch füh­ren mag, dass unse­re Ansich­ten, Posi­tio­nen und Über­zeu­gun­gen so weit von­ein­an­der ent­fernt lie­gen wie nur irgend­et­was.

Was ist bei Tichys los?

Im Blog «Tichys Ein­bli­ck» wur­de ges­tern der Bei­trag eines Gast­au­to­ren nach Pro­tes­ten im Inter­net gelöscht. Der Blo­g­in­ha­ber, Roland Tichy, ist Her­aus­ge­ber der XING — News. Die­se Tat­sa­che mach­ten sich vie­le zunut­ze, um Druck gegen TE auf­zu­bau­en. Per­sön­li­ch habe ich den Ein­druck, dass die Redak­ti­on von TE aner­ken­nens­wer­ter Wei­se gleich nach einer Prü­fung die­ses Arti­kels die Kon­se­quen­zen zog und den Arti­kel sofort gelöscht hat. Das zwei­te Mal inner­halb kur­zer Zeit. Jener war von Ana­bel Schun­ke.

An wel­che Geschich­te mich das ein biss­chen erin­nert hat, ist klar — oder? Natür­li­ch! 💡


Einer der Stamm­au­to­ren des Blogs, Alex­an­der Wal­la­sch, erklär­te in einem eige­nen Bei­trag, wes­halb Roland Tichy und die Redak­ti­on des Blogs zu die­ser Ent­schei­dung kamen.

Ich hal­te die Maß­nah­me für rich­tig und für sou­ve­r­än.

Aller­dings ver­ste­he ich nicht, wes­halb die Leser­brie­fe zu die­sem Arti­kel von Wal­la­sch nun spe­zi­ell auf­be­rei­tet wur­den bzw. war­um man die­se offen­bar nun für sich selbst spre­chen las­sen woll­te.

Einer der Kom­men­ta­re geht so:

Micha­el M. kann der Dis­kus­si­on mit der von Fritz genann­ten Kli­en­tel durch­aus Amü­san­tes abge­win­nen, wenn er befin­det, „es macht schon spass, einen gut­men­schen allein auf grund­la­ge der logi­schen wider­sprü­che vor­zu­füh­ren und die reak­tio­nen zu erle­ben, vor allem wenn unbe­tei­lig­te dabei sind. man benö­tigt nur eine gewis­se men­schen­kennt­nis, damit man weiss bis wohin man gehen kann, ohne aufs maul zu bekom­men. aber es macht trotz­dem echt spass…“Quel­le: „Ich bin auch nur ein Men­sch“ — Tichys Ein­bli­ck | LINK

Micha­el M. meint bestimmt Leu­te wie mich. Viel­leicht bin ich ihm sogar hier schon «begeg­net»?! Ob mein klei­ner Blog mit gut­mei­nen­den aber wohl weni­ger anspruchs­vol­len Arti­keln aber über­haupt ein Ziel einer intel­lek­tu­ell so haus­hoch über­le­ge­nen Per­son sein könn­te? Eher nicht.

Tat­sa­che ist, mir ist es in mei­ner Zeit als Blog­ger (seit 2004) oft pas­siert, dass ich befreun­de­te Blog­ger mit ande­rer poli­ti­scher Ein­stel­lung und hier und da Besu­cher zu Besu­ch hat­te, die mir den Kopf gewa­schen haben. Vor allem im Nach­hin­ein habe ich erkannt, dass man­che Posi­ti­on der Gegen­sei­te schlüs­si­ger gewe­sen ist, viel­leicht ein­fach nur rich­tig. Woviel Ein­sicht hat der gute Micha­el M. wahr­schein­li­ch bei sol­chen Leu­ten wie mir nicht für mög­li­ch gehal­ten.


Inwie­weit man die Bei­spiel­kom­men­ta­re zu dem gelösch­ten Arti­kel als kon­tro­vers bezeich­nen kann (wie Wal­la­sch sie ankün­digt), soll jeder selbst beur­tei­len. Ich fin­de, die meis­ten Kom­men­ta­re sind — wie gewöhn­li­ch bei TE — aus dem glei­chen gro­ben Holz geschnitzt. Sie bekräf­ti­gen über­wie­gend die Inhal­te der Auto­ren der Bei­trä­ge. Sie sind die Stich­wort­ge­ber der aller­meis­ten Kom­men­ta­to­ren.

Die Ori­gi­nal­kom­men­ta­re zum Arti­kel (Ver­si­on aus dem Cache) hat die Redak­ti­on von TE ste­hen las­sen. Sie kön­nen die­se also auch am Stück lesen und kom­men viel­leicht dies­be­züg­li­ch zu ande­ren Ein­sich­ten als ich. Die bei­den Top-Kom­men­ta­re (Anzahl Likes) bele­gen eher mei­ne Posi­ti­on. Wofür sich der Autor auch artig bedankt (s. Screen­s­hot).

Der fol­gen­de Kom­men­tar unter Wal­laschs Arti­kel lässt kei­ne Zwei­fel dar­an, wor­in die wah­re Inten­ti­on für die­sen Nach­kar­te-Arti­kel liegt:

Bestä­ti­gung zu bekom­men und schließ­li­ch Recht gehabt zu haben. 

Ich weiss nicht Herr Wal­la­sch wohin uns die ach so dif­fe­ren­zier­te Betrach­tung der Leser­kom­men­ta­re dies­mal wie­der brin­gen soll. Die meis­ten der Leser die­ses Blogs sind sich näm­li­ch ziem­li­ch einig. Im Übri­gen geht es auch wie­der ein­mal nicht um die Wort­wahl des Herrn Fritz (mer­ken wir aus­ser­dem hier nicht schon wie­der wie die Dis­kus­si­on abge­lenkt wer­den soll?), son­dern im End­ef­fekt geht es doch dar­um (und dar­auf soll­te ruhig ein­mal hin­ge­wie­sen wer­den), dass die­ser Arti­kel sagt man soll­te das Gespräch mit jenen nicht mehr suchen, die doch aber den Dis­kurs ohne­hin schon been­det haben. Ich mei­ne sogar sie haben ihn nie gesucht.

Es waren nicht die «Neu­rech­ten» die der ande­ren Sei­te pau­schal jed­we­des Recht an der Dis­kus­si­on abge­spro­chen haben. Wir waren es nicht die ande­re pau­schal dif­fa­miert, mit Nazi­bann und Moral­keu­le belegt in die Ecke gedrängt haben. Wir haben nicht damit ange­fan­gen auf­grund unse­rer mora­li­schen Über­le­gen­heit die tau­send Mal mehr wiegt als jedes logi­sche Argu­ment die­je­ni­gen zu dif­fa­mie­ren, zu denun­zie­ren, zu ver­leum­den und was weiss ich noch alles, die nicht unse­rer Mei­nung sind.Quel­le: „Ich bin auch nur ein Men­sch“ — Tichys Ein­bli­ck | LINK

Ich sag­te schon — die Kon­tro­ver­se wird mit har­ten Ban­da­gen geführt. Selt­sam fin­de ich, dass es immer die Rech­ten sind, die so sehr auf ihre Mei­nungs­frei­heit pochen und dabei immer so tun als gewäh­re der Main­stream sie ihnen nicht.

Was für ein Quat­sch das ist, sieht man doch, wenn man nur eini­ge Tex­te bei TE oder der Ach­se des Guten liest! Die Rech­ten sind längst so laut gewor­den, dass sie so unflä­ti­ge Vor­hal­tun­gen gegen ihre Geg­ner eigent­li­ch nicht nötig hät­ten.

Wenn ich rich­tig mit­ge­zählt habe, war das jetzt schon der 2. Arti­kel inner­halb kur­zer Zeit, den sich Tichy genö­tigt sah, vom Netz zu neh­men. Ich kann mei­ne Freu­de dar­über nicht ver­heh­len.

Die ande­re Sei­te sieht das natur­ge­mäß als Beleg für Behaup­tung an, dass die Mei­nungs­frei­heit ein­ge­schränkt wer­de. Mal gucken, wie die neue Legen­de aus­sieht, an der sie jetzt wie­der stri­cken!
Von denen, die unse­re Mei­nungs­frei­heit ganz hoch hal­ten » 2Bier.de | Quel­le

Foto von: Manfred Werner/Tsui - CC by-sa 3.0
Die Fol­ge «SOKO Leip­zig» von ges­tern fand ich wie­der mal echt stark. Das ist eine… 
kirche
Poli­ti­sche Geg­ner­schaft kann erschre­ckend weit gehen. Lei­der erle­ben wir das vor­aus­sicht­li­ch in die­sem Wahl­jahr in… 

Horst Schulte

Ich blogge seit 2004. Am liebsten schreibe ich über gesellschaftliche und politische Fragen. Aber ab und an gibt es hier auch etwas zum Thema Bloggen, Wordpress und ein paar Fotos.

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