Privates

Das Wandern ūüŹĒ als Teambuilding Ma√ünahme

  • Lesezeit: 4 Minuten
Wanderschuhe

An manche Erlebnisse¬†erinnere ich mich immer wieder gern, an andere weniger. Wenn mich beim Laufen meine F√ľ√üe plagen, kommt mir ein Tag in den Sinn, den ich aus heutiger Sicht anders gestalten w√ľrde.

Mit der Kleidung geht es los. Manche behaupten, es gebe kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.

Mein damaliger Chef war zwei Jahre im Amt und heckte mit seiner Assistentin einen Plan aus, dessen Tragweite ich in dieser Phase noch nicht einschätzen konnte. Vielleicht hätte ich protestiert.

Im Rahmen des sogenannten Budgetprozesses waren wir bei einem der letzten¬†Iterationsschritte angelangt.¬†In dessen Verlauf stellten wir die Einzelbudgets jedes¬†Key-Account Managers erneut¬†auf den Pr√ľfstand. Kleiner wurden die¬†Umsatzziele dabei nie¬†:lol: .

Diese Sitzungen wurden eingebettet in Teambuilding РMaßnahmen unterschiedlicher Art. In diesem Fall bestand ihr Kern in einer Wanderung. Eine Wanderung! kein Spaziergang.

Unsere Gruppe (so ca. 10/12 Leute) verteilte sich auf mehrere PKW’s. Das Abenteuer¬†Rh√∂n begann.

Ich wei√ü nicht, was mich geritten hat. Wandern war¬†nie mein Ding und warum sollte ich mir daf√ľr eigens geeignetes, sprich neues Schuhwerk zulegen? So hielt sich meine Vorbereitung in Grenzen.¬†Das war meiner Frau zu verdanken. Sie¬†musste¬†mich dazu n√∂tigen, f√ľr diese¬†Wanderung ein neues J√§ckchen¬†zu kaufen – ich sollte es ja sch√∂n kuschelig haben. Immerhin hatten wir¬†schon Herbst. In dem gleichen Gesch√§ft gab es auch¬†supertolle Wanderschuhe. Ach h√§tte ich doch …

Meine Halbschuhe werden¬†es schon tun, dachte ich. Mental war ich vorbereitet, k√∂rperlich – nun ja. Ich w√ľrde das schon schaffen. Hatte ich das¬†schon gesagt? Wandern ist nicht so meins!

Nach unserer Ankunft ging es zunächst an die Arbeit. Das Budget wartete auf den Endschliff. Wir erlebten einen netten gemeinsamen Abend, und am nächsten Morgen ging die Wanderung los.

Ich war etwas √ľberrascht, wie professionelle meine Kolleginnen und Kollegen ausgestattet waren. Sie trugen der Jahreszeit entsprechende Kleidung. Bei der Kleidung¬†konnte ich noch mithalten. Aber beim Blick auf die Schuhe der anderen, wurde mir schlagartig klar, einen ziemlichen Fehler gemacht zu haben. Diese Schuhe… , das w√ľrde ja was werden.

Wir nahmen einen langen Einblick in die Routenkarte.

Langsam machte sich bei mir entsetzen breit. Was f√ľr eine lange Strecke und die Topographie hatte es in sich. Ich behielt meine Gedanken¬†f√ľr mich. Wer will schon den Spielverderber geben. Also, jetzt blo√ü nicht rumn√∂rgeln.

Der Teambuilding РGedanke könnte ansonsten noch Schaden nehmen, bevor es richtig losgegangen war.

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Es handelt sich um eine mittelschwere Route, teilte man uns mit. Und ich hatte gedacht, wir gingen ein bisschen spazieren.

Aber nein! Der Weg¬†verlief¬†√ľber die Wasserkuppe (die h√∂chste Erhebung in der Rh√∂n – 950 m), ging wieder runter und wieder rauf (wei√ü der Teufel, wie der zweite »Berg« gehei√üen hat).

Ich dachte: jetzt wäre der richtige Zeitpunkt zum Sterben.

Zuerst ging es noch besser als gedacht. Ich hatte Anschluss und konnte mich – wenn der Anstieg nicht ganz so steil war, sogar noch an der Unterhaltung beteiligen. Meine F√ľ√üe begannen schon nach wenigen Kilometern wehzutun.

Einigen steilen Aufg√§ngen folgten ebenso steile Abg√§nge. Die Abg√§nge empfand ich sp√§ter als noch schmerzhafter als die Aufstiege. Nicht die Beine, nicht die Waden, sondern die Schmerzen an meinen F√ľ√üen lie√üen alle anderen m√∂glichen Qualen vergessen. Das kann man ein bisschen vergleichen mit dem Schmerz, den man sp√ľrt, wenn man sich die Finger in der Autot√ľr einklemmt. In dem Moment sind alle anderen Wehwehchen, mit denen man vielleicht zu tun hat, f√ľr kurze Zeit¬†wie weggeblasen.

Als wir gegen Mittag auf der Wasserkuppe angekommen waren, versp√ľrte ich den Wunsch, mir ein Taxi zu nehmen und den Ort dieser¬†Pr√ľfung schnellstens¬†zu verlassen. Taxi? Sch√∂ne Illusion. Hier sagten sich Hase und Igel gute Nacht.

Vielleicht sollte¬†ich einen Rettungshubschrauber anfordern… Handy hatte ich dabei.

Aber da war ja noch ein Rest von Ehrgef√ľhl. Ich wollte mich doch nicht zum Affen machen. Die meisten Kolleginnen und Kollegen waren¬†etliche Jahre j√ľnger als ich. Aber da gab es doch meinen Chef und eine Kollegin, die sogar noch ein Jahr √§lter war als ich. Beide waren¬†topfit und schienen richtig in ihrem Element. Diese Bl√∂√üe wollte ich mir also nicht¬†geben!

Ich fragte, wie es denn von der Wasserkuppe aus weiterginge? Mein Chef ganz euphorisch: Zu erst einmal gehen wir von der Wasserkuppe herunter und dann Рsehen sie den Berg dort hinten? Рdorthinauf  gehen wir als nächstes. Ich bin tot!

Allein die Entfernung zwischen der Wasserkuppe und diesem »Berg« dort hinten betrug ja schon per Luftlinie etliche Kilometer. Wie furchtbar w√ľrde diese Laufstrecke erst werden? Runter und wieder rauf und das unter erschwerten Bedingungen. Man sollte meinen, dass die l√§dierten F√ľ√üe irgendwann nicht mehr schmerzen w√ľrden. Von wegen. Die Blasen, das Scheuern durchs Bergabgehen.

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Es half nichts. Ich biss die Z√§hne zusammen. Keiner der anderen hatte gemeckert oder geklagt. Dabei h√§tte ich schw√∂ren k√∂nnen, auch bei einigen anderen eine gewissen M√ľdigkeit¬†erkannt zu haben.

Einige¬†Kollegen waren derart schnell und frisch bei der Sache, dass ich zwischendrin dar√ľber nachgr√ľbelte, wie doof¬†es doch ist, alt zu werden. Fr√ľher habe ich Fu√üball und eine Weile Tennis gespielt. Konditionsprobleme kannte ich lange √ľberhaupt nicht. Aber da war ich auch noch keine 40 Jahre alt.

Inzwischen¬†war ich Ende 50 und au√üer ein bisschen Radfahren war da nichts mehr an sportlichen Aktivit√§ten. Dazu kamen noch meine Gewichtsprobleme. Zum Gl√ľck hatte ich vor Jahren mit dem Rauchen aufgeh√∂rt. Aber das half mir jetzt auch nicht weiter.

Ich war so fertig.

Am fr√ľhen Abend erreichten wir unsere Herberge auf dem zweiten Berg. Eine Kollegin hat mir echt geholfen. Statt vorn mitzulaufen, was sie konditionell ohne weiteres h√§tte machen k√∂nnen, hat sie sich sehr nett um mich gek√ľmmert.

Vor allem gegen Ende unserer Wanderung war das wirklich nötig. Vor ihr wollte ich mir zwar noch weniger eine Blöße geben als vor allen anderen. 

Aber meine Ersch√∂pfung war bestimmt f√ľr alle¬†sichtbar. Und ich neige nicht dazu, den Helden zu spielen.

Dieses Event sollte¬†dem Teambuildung dienen. Bei mir das es das Gegenteil¬†bewirkt. In diesem Team f√ľhlte ich mich bis zum Schluss wie ein Fremdk√∂rper und wer wei√ü, ob das nicht auch etwas mit dieser einzigartigen Erfahrung zu tun hatte?

Nach dem Abendessen¬†bin ich sofort schlafen gegangen. Meine F√ľ√üe waren so im Eimer, dass mir im Lauf der folgenden Wochen ein paar¬†Zehn√§gel abfielen. Ich habe bis heute gro√üe Probleme bei l√§ngeren Spazierg√§ngen.

F√ľr etwaige weitere (private!) Wanderungen habe ich mir damals tolle neue Schuhe gekauft. Die ziehe ich heute immer dann an, wenn ich ahne, dass der Spaziergang etwas l√§nger dauern k√∂nnte.

Inspiriert durch Sabines Beitrag:¬†Schuhe – Oder: Wenn die F√ľ√üe Blasen schlagen und die Gr√∂nland-L√∂sung | Sabienes | Quelle

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Dieser Beitrag hat 6 Kommentare
  1. Wer denkt sich das nur immer aus… Wahrscheinlich war die einzige, f√ľrs Team wichtige Erfahrung: Ich zeige m√∂glichst nichts von dem, was wirklich in mir vorgeht. Heuchel, heuchel…
    Oder es sollte wirklich der mit dem k√ľrzesten Atem herausgefunden werden…
    In meinen Junglehrerinnenzeiten, voller Weisheit der Alma Mater, bin ich in den Beruf in einer Schule gestartet, die das Team-Kleingruppenmodell erfunden & entwickelt hat. Das Wichtigste, was mir bis heute davon blieb, ist mein Ehemann. Der Rest war therapiew√ľrdig.
    GLG

  2. Hallo Astridka, von solchen »plakativen« Aktion habe ich auch nie viel gehalten. Ich fand es sch√∂ner, wenn man sich halbprivat zum Grillen oder so getroffen hat. Da war die Atmosph√§re locker und man fand einen Draht zueinander, der bei solchen Events eher nicht aufzufinden war.
    VG H.

  3. Tolle Story, hab ich gern gelesen – ber√ľhrt viel mehr als deine Kritik-Artikel!
    Ist doch klar, dass du als komplett Unge√ľbter da extreme Schwierigkeiten hattest – bl√∂d auch, dass nicht vorher zwingend »Wanderschuhe« angesagt wurden. Schlie√ülich haben nicht alle so eine Routine. Ich hab« beim Lesen richtig mitgelitten, es muss furchtbar gewesen sein… und echt schade, dass dir auf diese Weise das Wandern verleidet wurde!

    1. Danke, Claudia. Leider kann ich nicht so viele solcher Geschichten erzählen. Eher sind es wohl Ausnahmen. Aber schön, dass sie die gefallen hat. Das waren schon heftige Strapazen.

      Ich weiß nicht, ob du das einmal zufällig gesehen hast: hier habe ich ein paar mehr Geschichten erzählt. Aber ganz andere Themen.

  4. Danke f√ľr deinen Erfahrungsbericht. Ich finde es immer schade, wenn solche vielleicht gut gemeinten Aktionen nach hinten losgehen und das in zweierlei Hinsicht. Zum einen gibt es so sch√∂ne Teambuilding-Ma√ünahmen, die auch Spa√ü machen. Zum anderen macht Wandern auch Spa√ü – au√üer nat√ľrlich man wird dazu gezwungen, gleich bei der ersten √ľber seine Grenzen hinausgehen zu m√ľssen.
    Respekt, dass du nicht aufgegeben hast.
    Viele Gr√ľ√üe

  5. Ganz sicher sind Teambuilding-Ma√ünahmen eine gute Sache. Dass sie in meinem Fall nicht funktioniert hat, lag ja zum gro√üen Teil an mir selbst. √úbrigens zollten mir die Kollegen/innen, die damals dabei waren, auch Respekt f√ľr mein Durchhalteverm√∂gen. Gerade das hat mir aber √ľberhaupt nicht gefallen.

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