Warum Wird § 12.1 Im Deutschen Pressekodex Nicht Ersatzlos Gestrichen?

Dass es in Deutsch­land einen Pressekodex gibt ist bekan­nt. Darin ist ein Para­graph zu find­en, der ins­beson­dere in den let­zten Jahren zu hefti­gen Diskus­sio­nen führte.

Es geht um die Frage, ob in Medi­en­bericht­en die Zuge­hörigkeit von Verdächti­gen oder Tätern zu religiösen, eth­nis­chen oder anderen Min­der­heit­en erwäh­nt wer­den soll oder nicht.

Über eine lange Zeit hat­te ich dazu eine klare Mei­n­ung. Ich fand, solche Details dürften der Öffentlichkeit nicht “ver­rat­en” wer­den. Ich teilte also die in unseren Medi­en offen­bar weit­er­ver­bre­it­ete Auf­fas­sung, die damit zweier­lei über sich ver­ri­eten:

  1. Man traute “den Bürg­erin­nen und den Bürg­ern” nicht zu, sich selb­st und ganz ohne Ein­flussnahme auf die Berichter­stat­tung ein ver­ant­wortlich­es Bild zu machen.
  2. Man hat­te dem­nach nicht ver­standen, dass es in diesen Zeit­en auch dem dümm­sten Inter­ne­tuser möglich ist, an die im Zeitungs-, Radio- oder TV-Beitrag ver­schwiege­nen Infor­ma­tio­nen her­anzukom­men.

Wohin das inzwis­chen geführt hat, wird inzwis­chen jed­er ver­standen haben. Der Deutsche Presser­at, also die ver­ant­wortliche Instanz für den Pressekodex, scheint aber weit­er­hin davon überzeugt zu sein, dass die Bevor­mundung von Lesern, Zuhör­er und Zuschauer, weit­erge­hen soll. Und nicht nur das!

Längst ist dieser gut gemeinte aber dumme Para­graph im Pressekodex zu ein­er poli­tis­chen Waffe mutiert.

Inter­essierte poli­tis­che Grup­pen haben es sich zur Auf­gabe gemacht, diese Dummheit in bewusste Irreführung umzudeuten. Der weit­eren gesellschaftlichen Etablierung des Begriffes “Lügen­presse” wird also Vorschub geleis­tet. Und zwar ohne Not!

Das Ver­fahren fördert aus mein­er Sicht die Ver­bre­itung von Desin­for­ma­tion. Oft genug ist es so, dass — obwohl die in Bericht­en vorenthaltenen/verschwiegenen Infor­ma­tio­nen leicht über ein­schlägige Inter­net­seit­en zu erhal­ten sind — sehr gezielte, bewusste Lügen über die Nation­al­ität oder die religiöse Zuge­hörigkeit von Verdächti­gen und Tätern ver­bre­it­et wer­den.

Dass es im Web erfol­gre­iche Pro­jek­te gibt, die es sich zum Ziel gemacht haben, solche Lügen aufzudeck­en, ist ein Phänomen, das vom Deutschen Presser­at unberück­sichtigt blieb.

Es hat den Anschein, dass diese sim­plen Argu­mente die Autoren des Pressekodex nicht zu überzeu­gen kon­nten. Deshalb set­zen sie lieber weit­er auf eine -böse aus­ge­drückt- Bevor­mundung des Bürg­ers.

Wahrschein­lich wun­dern sie sich später darüber, dass Medi­en keinen guten Leu­mund besitzen.

Alte Version

Bish­erige Richtlin­ie 12.1 – Berichter­stat­tung über StraftatenIn der Berichter­stat­tung über Straftat­en wird die Zuge­hörigkeit der Verdächti­gen oder Täter zu religiösen, eth­nis­chen oder anderen Min­der­heit­en nur dann erwäh­nt, wenn für das Ver­ständ­nis des berichteten Vor­gangs ein begründ­bar­er Sach­bezug beste­ht. Beson­ders ist zu beacht­en, dass die Erwäh­nung Vorurteile gegenüber Min­der­heit­en schüren kön­nte.

Neue Version

Richtlin­ie 12.1 – Berichter­stat­tung über Straftat­en (gültig ab 22.03.2017)In der Berichter­stat­tung über Straftat­en ist darauf zu acht­en, dass die Erwäh­nung der Zuge­hörigkeit der Verdächti­gen oder Täter zu eth­nis­chen, religiösen oder anderen Min­der­heit­en nicht zu ein­er diskri­m­inieren­den Ver­all­ge­meinerung indi­vidu­ellen Fehlver­hal­tens führt. Die Zuge­hörigkeit soll in der Regel nicht erwäh­nt wer­den, es sei denn, es beste­ht ein begrün­detes öffentlich­es Inter­esse. Beson­ders ist zu beacht­en, dass die Erwäh­nung Vorurteile gegenüber Min­der­heit­en schüren kön­nte.

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