Mir liegt das Schicksal von Menschen in Not am Herzen. Das klingt konsensfähig und ist insofern nichts Besonderes. Bitte jetzt nicht gleich die Augen verdrehen und meine Gedanken nicht in die Schublade unter »Gutmenschengelaber« packen.

Ich setze mich in meinem Blog für Flüchtlinge ein und wünsche mir, dass breitere Teile unserer Gesellschaft trotz der auftretenden Widrigkeiten, menschlich mit ihnen umgeht.

Das Selbstverständliche aufzuschreiben ist immer wieder nötig, weil es zu viele Orte und Gelegenheiten gibt, an denen das Gegenteil geschieht. Ich brauche die Beispiele nicht aufzeigen, weil wir sie alle kennen.

Krisen der Welt

Die zahlreichen Krisensituationen bürden uns die humanitäre und christliche Verpflichtung auf, der größten Fluchtbewegung in der Geschichte der Menschheit etwas entgegenzusetzen. Das ist nötig, auch wenn viele zu Recht sagen: Wir können doch nicht alle aufnehmen.

Ausschnitt aus den Global-Trends 2015 des UNHCR

65 Millionen sind aus unterschiedlichen Gründen auf der Flucht. Die Zyniker unter uns werden feststellen, dass die Zahl im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung unserer Welt und zur Vergangenheit von relativer Bedeutung ist. Vielleicht war das Verhältnis zwischen der Zahl der Menschen auf unserem Planeten zu denen, die sich auf der Flucht befanden, auch früher schon schlecht.

Streit überall

Wir sind seit ein paar Jahren daran gewöhnt, von Familienangehörigen, Freunden, Ex-Freunden, Bekannten für die Formulierung des bloßen Anspruches, Flüchtlingen helfen zu wollen, als naive Gutmenschen abqualifiziert zu werden. Anders herum geht es auch. Da gilt der Kampf »den Menschenfeinden«.

In den Medien wird so etwas unter »Polarisierung der Gesellschaft« subsumiert.

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Islam

Die Härte der Auseinandersetzungen hat etwas mit unserem Verhältnis zum Islam zu tun, das sich seit Jahren immer mehr verschlechtert hat. Die meisten Menschen, die in Europa und in Deutschland Schutz suchen, gehören dieser Religion an. Diese Tatsache birgt im manchmal im wahrsten Sinn des Wortes Sprengstoff.

Unsere migrationstechnischen Erfahrungen mit der größten einigermaßen homogenen Gruppe der Muslime, den Türken, sind meines Erachtens insgesamt positiver als die mit Muslimen aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum.

Die Erlebnisse der jüngeren Zeit mit den unsäglichen Vorträge türkischer Politiker und die krassen Diskussionen um die Wahlkampfveranstaltungen der türkischen AKP in Deutschland und anderen Ländern Europas mit Türken und Türkischstämmigen zwingen unseren Gesellschaften eine Antwort Frage auf, wie der Stand der Integration zu bewerten ist.

Nicht wenige von ihnen haben sich Pro Erdogan und gegen Deutschland und die EU positioniert! Und das läuft in einer Art ab, die mich ratlos und manchmal sehr wütend gemacht hat.

Viel hat sich verändert nach dem 11.9.2001

Dass sich nach dem 11. September 2001 das Verhältnis von Muslimen und Andersgläubigen verschlechtert hat, ist allen bewusst.

Trotz vieler islamistischer Terroranschläge und der wachsenden Unsicherheit, insbesondere in westlichen Gesellschaften,  hat es dort lange gedauert, bis die Entfremdung der einheimischen Bevölkerung und muslimischen Migranten ins Bewusstsein rückte. Das mag zum Teil an der Gleichgültigkeit und Ignoranz der Mehrheitsgesellschaft gelegen haben.

Allerdings ist der Wille, einen eigenen Beitrag zur Integration zu leisten bei muslimischer Migranten gering ausgeprägt. Es gibt unter den Türken immer noch zu viele Leute, die seit Jahren hier leben und unsere Sprache nicht sprechen.

Wenn die Mehrheitsgesellschaft sich darüber beklagt, dass Türken oder Muslime im Allgemeinen zu wenig integrationsbereit sind, bewerte ich das trotz allem zunächst als bequemen Versuch, die eigene Verantwortung für vieles, was bei der Integration nicht gut gelaufen ist, abzustreiten.

Beide Seiten müssen mehr tun!

Allerdings ist mir das Wehklagen, inbesondere unserer türkischen Migranten, ein Dorn im Auge. Welche Aussagen von muslimischen Vertretern man auch liest oder hört: immer ist es die Mehrheitsgesellschaft, sind wir es, »die Deutschen«, die alle Versäumnisse in Sachen Integration zu verantworten haben. Von anderen Migrantengruppen hört man solche Vorwürfe viel seltener.

Talkshows mit türkischen Politikern der besonderen Art

In den letzten Wochen traten in deutschen Talkshows türkische Vertreter auf. So der türkische Minister für Sport und Jugend, Akif Cagatay Kilic, der AKP – Abgeordnete Mustafa Yeneroğlu oder der stellvertretende Vorsitzende der Union Europäisch-Türkischer Demokraten,  Fatih Zingal, der sich ebenfalls als flammender Anhänger von Erdogans Referendum geoutet hat.

Alle drei kluge Männer, die allerdings in einer Art und Weise im Deutschen Fernsehen die Wahrheit verdreht haben, dass es mir die Sprache verschlagen hat.

Ob sie tatsächlich glauben, dass sie auf der AfD-/Pegida – Lügenpresse – Welle reiten können? Wahrscheinlich sind sie so fest in die türkische Regierungsdisziplin eingebunden, dass sie keine Spielräume für eigene Bewertungen haben. Und das ist etwas wohlwollend ausgedrückt!

Ich mir dieses dumme und provozierende Verhalten im Deutschen Fernsehen nicht erklären. Leider haben die im Publikum anwesenden Anhänger diese Vorstellung in peinlichsterweise beklatscht. Es war so sehr zum Fremdschämen, dass diese Anbiederung sogar den anwesenden türkischen Politikern peinlich gewesen zu sein schien. Das waren ihren Gesichtern anzusehen.

60 bis 70 % der hier lebenden Türken sollen angeblich für Erdogan sein und mit Ja beim Referendum stimmen. Das sind keine gesicherten Zahlen, die je nach Quelle so unterschiedlich sind.

Update: 24.03. Nur 40 % der wahlberechtigten Türken sind in Deutschland überhaupt wählen gegangen. Davon waren ca. 60 % für Erdogan. Es handelt sich demnach also »nur« um ca. 360.000 Menschen. (siehe auch hier – ganz unten)

So ist es nötig, eigene Bewertungen und Aussagen zu relativieren. Ich streiche deshalb:

Wenn ich die Lautstärke der türkischen Vertreter in den sozialen Netzwerken als Maßstab nehme, passen diese genannten hohen Zustimmungswerte für den Diktator Erdogan durchaus dazu.

Ich muss wieder erkennen, wie selektive meine Wahrnehmung in kontroversen Fragen ist.

Was ich gelernt habe: Es geht nicht zusammen

Es ist mir unangenehm. Aber während der letzten Wochen sind mir zum ersten Mal Zweifel an meiner Haltung zur pluralistischen Gesellschaft gekommen.

Ich konnte nicht widerstehen und habe den türkischen Erdogan-Verklärern auf ihre Hetzkommentare geantwortet. Oft habe ich geschrieben, sie mögen angesichts dieser Äußerungen Deutschland verlassen und lieber in der Türkei leben.

Wahrscheinlich ist diese Reaktion typisch für viele Deutsche. Ein bisschen schäme ich mich dafür. Schließlich haben die Leute »nur ihre Meinung« gesagt. Ihre Beweggründe muss ich nicht teilen. Ich muss sowas nicht schreiben, wenn sie die Errichtung einer Diktatur in ihrem Land für richtig halten.

Aber so geht das nun mal oft ab in den Sozialen Netzwerken.

Allerdings geschieht momentan ja viel mehr als der Austausch von Verbalinjurien.

Die Teilung unserer Gesellschaften wird durch alle Zuspitzungen der letzten Zeit überdeutlich. Der Grund könnte sein, dass wir zu wenig übereinander wissen. Das hindert uns allerdings nicht daran, bei Gelegenheit übereinander herzufallen.

Das erleben wir immer öfter auch bei ganz anderen gesellschaftlich oder politisch kontroversen Themen. Manche politischen Beobachter finden es erfreulich, dass sich so viele wieder mehr für Politik interessieren. Ich bin in der Bewertung zurückhaltender.

Wahrscheinlich haben die letzten Wochen gezeigt, dass der (politische) Islam für westliche Gesellschaften zum Problem wird.

Seine Vertreter – ich nehme die drei türkischen Politiker als Maßstab – sind offensichtlich nicht bereit, ihren Teil der Verantwortung für gelungene Integration anzunehmen und dazu zu stehen. Von dieser Seite wird immer nur die deutsche Mehrheitsgesellschaft für Fehlentwicklungen verantwortlich gemacht.

Moschee – Report

Heute habe ich im »Stern« ein Interview mit dem neuerdings für die ARD Tagesschau tätigen Kenner der arabischen Welt, Constantin Schreiber, gelesen. Er hat gerade ein Buch über seine Beobachtungen geschrieben, die er in 13 verschiedenen Moscheen in Deutschland bezüglich der Freitagspredigten machte. Über das Thema wird er für die ARD eine 3teilige Sendung unter dem Titel »Moschee – Report« machen. Der erste Teil wird am 27. März 2017 um 21:15 Uhr bei Tagesschau24 ausgestrahlt. Weitere Reports sind vorgesehen.

WIR und DIE

Im Interview berichtet Schreiber von Aussagen, die er in diesen Moscheen gehört habe, die ihn entsetzt hätten. Die bemerkenswerte Schlussfolgerung seiner 13 Besuche ist, dass er in keiner einzigen dieser 13 Moscheen etwas gehört habe, das er »wenigstens OK gefunden« hätte. Fast alle Predigten seien sehr »konservativ« gewesen. Integratives habe er dort überhaupt nicht gehört. Eher wurde dort das Bild des »WIR und DIE« gezeichnet.

Wir Muslime und die Anderen, die Deutschen, die Ungläubigen. Integration wurde eher als Bedrohung der reinen Lehre dargestellt.Quelle: „DA FIELEN UNGEHEURE SÄTZE“ – stern – Blendle | LINK

In der türkischen Hagia-Sophia- Moschee in Karlsruhe wurde ein, wie Schreiber es formulierte, »eigenwilliges Frauenbild« verkündet.

Und dann lobte er die Heilige Fatima, die sich sogar als Tote den Blicken fremder Männer entzogen wissen wollte und bat, ihren Leichnam nachts zu beerdigen.Quelle: „DA FIELEN UNGEHEURE SÄTZE“ – stern – Blendle | LINK

Interessant fand ich die erwähnte Aussage einiger syrischer Flüchtlinge. Sie fanden, die Predigten in hiesigen Moscheen seien »konservativer als zu Hause«. In der Imam- Riza-Moschee in Berlin wurde vom Imam gesagt, man könne nicht Demokrat und gleichzeitig Schiit sein. »Man kann nicht sowohl Hu­manist als auch ein Freund der Familie des Propheten sein.«

Scharia vs. Grundgesetz

Da dürfen wir uns nicht mehr über Presseberichte wundern, nach denen Muslime die Scharia wichtiger finden als unser Grundgesetz.

Wir wissen, dass unser Verfassungsschutz Moscheen beobachtet. Von Schließungen war auch schon die Rede. Trotz klarer Aussagen dazu, wird in den Moscheen immer noch überwiegend arabisch oder türkisch gesprochen. Es ist also für den »normalen Verfassungsschützer« wohl nur schwer möglich, die Brisanz mancher Sätze, die dort gesprochen werden, zu begreifen. Oder sprechen die die Sprachen, die dort gesprochen werden? Wenn ja, verstehe ich nicht, dass die Moscheen nicht längst dicht gemacht und der Schlüssel weggeworfen wurde!

Unsere Toleranz – natürlich gerade auch in Glaubensfragen – wird von vielen Muslimen als Schwäche ausgelegt. Das sehen wir auch in den Stellungnahmen, die Türken in den Sozialen Netzwerken abgeben. Aggressivität und pures Unverständnis sind unübersehbar. Das darf so nicht sein!

Es ist unzureichend, wenn Politiker in Sonntagsreden klare Bekenntnisse der Migranten zu unseren Werte fordern.

Es ist nötig, dass die Nichtbeachtung sanktioniert wird und mehr noch, dass wir diese Werte leben und sie gegen Feinde verteidigen.

Ich habe echt keinen Bock darauf, dass sich die sarrazinschen Kassandrarufe erfüllen oder die dystopischen Szenarien gewisser Patrioten über uns kommen.

Horst Schulte

Ich bin Horst Schulte und blogge seit 2004. Am liebsten schreibe ich über gesellschaftliche und politische Fragen. Aber ab und an gibt es hier auch etwas zum Thema Bloggen, Wordpress und ein paar Fotos.

Meine ersten Gehversuche als Blogger machte ich mit den Blogs finger.zeig.net, später mit querblog.de und noch etwas später mit netzexil.de

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