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Was genau stimmt nicht mit der neuen türkischen Verfassung?

Die Nie­der­lan­de bezie­hungs­wei­se deren Regie­rung sind in die­sen Tagen Vor­bild für vie­le Deut­sche. Die dor­ti­ge Regie­rung habe «Eier gezeigt», wäh­rend sich die deut­sche Regie­rung hin­ter tech­ni­schen For­ma­li­en wie Brand­schutz und feh­len­den Park­plät­zen ver­steckt hat. Die Umset­zung liegt bei den ört­li­chen Ver­wal­tun­gen. Dele­ga­ti­on vom Feins­ten.

Vie­le Deut­sche sind sau­er auf unse­re Regie­rung. Sie fin­den es regel­recht beschä­mend, dass sie sich die Din­ge so zurecht­legt, damit sie den Tür­ken kei­ne «kla­ren Ansa­gen» machen muss.

Sie den­ken kei­ne Minu­te dar­über nach, dass wir mit mehr als 3 Mil­lio­nen tür­kisch­stäm­mi­gen Bür­ge­rin­nen und Bür­gern zusam­men­le­ben, von denen vie­le kei­ne Anhän­ger des tür­ki­schen Staats­prä­si­den­ten und sei­nes per Refe­ren­dum am 16.04. zu ent­schei­den­den Prä­si­di­al­sys­tems sind. Was macht die neue tür­ki­sche Ver­fas­sung, die eigent­li­ch eine Ände­rung der exis­tie­ren­den ist, so dra­ma­ti­sch anti­de­mo­kra­ti­sch?

Welche Bilder entwerfen unsere Medien?

Ich weiß, die Medi­en ver­mit­teln ein über­ein­stim­men­des Bild von der Tür­kei. Ob es damit zu tun hat, das ca. 120 Jour­na­lis­ten im Gefäng­nis sind — unter ande­rem Deniz Yücel?

Angeb­li­ch sol­len 60% der hier leben­den Tür­ken für Erdo­gan sein. Angeb­li­ch ist das der Grund dafür, dass die tür­ki­sche Regie­rung so vehe­ment dar­auf besteht, ihre Lands­leu­te in Deutsch­land über die Ver­än­de­run­gen «auf­zu­klä­ren».

Alles, was wir über die geplan­te Ver­fas­sungs­än­de­rung wis­sen, kommt aus unse­ren Medi­en.

Anne Will, 12.03.2017

Wie wenig sat­tel­fest unse­re Medi­en in man­chen sub­stan­zi­el­len Fra­gen sind, konn­ten wir ges­tern Abend bei «Anne Will» erle­ben. Den dies­be­züg­li­chen Vor­hal­tun­gen des anwe­sen­den tür­ki­schen Minis­ters, Akif Çağa­tay Kılıç, konn­ten weder Minis­ter Alt­mai­er noch Anne Will irgend­et­was ent­ge­gen­set­zen. Es war pein­li­ch, dass der Argu­men­ta­ti­on Kılıçs in die­sem Moment nichts ent­ge­gen­ge­setzt wer­den konn­te.

Hier der Ein­spiel­film, um es den in der Erwi­de­rung des Minis­ters ging:

Hier die aktu­el­le tür­ki­sche Ver­fas­sung mit den vor­ge­se­he­nen Ände­run­gen (s. Mar­kie­run­gen und Hin­weistex­te im eigent­li­chen Text  — PDF anse­hen)

Arti­kel 116 – Die Gro­ße Natio­nal­ver­samm­lung der Tür­kei kann mit einer Mehr­heit von drei Fünf­teln der Gesamt­zahl ihrer Mit­glie­der Neu­wah­len anset­zen. In die­sem Fall wer­den die all­ge­mei­nen Wahlen zur Gro­ßen Natio­nal­ver­samm­lung der Tür­kei zusam­men mit der Wahl des Prä­si­den­ten der Repu­blik abge­hal­ten. Wer­den die Neu­wah­len durch den Prä­si­den­ten der Repu­blik ange­setzt, so wer­den die­se zusam­men mit den all­ge­mei­nen Wahlen der Gro­ßen Natio­nal­ver­samm­lung der Tür­kei abge­hal­ten.

Wer­den die Neu­wah­len durch die Gro­ße Natio­nal­ver­samm­lung der Tür­kei wäh­rend der zwei­ten Amts­pe­ri­ode des Prä­si­den­ten der Repu­blik ange­setzt, darf der Prä­si­dent der Repu­blik noch ein­mal kan­di­die­ren. Die Auf­ga­ben und Befug­nis­se der Natio­nal­ver­samm­lung und des Prä­si­den­ten, deren Neu­wahl anbe­raumt wor­den ist, blei­ben bis zur Amts­über­nah­me der neu­en Natio­nal­ver­samm­lung und des Prä­si­den­ten der Repu­blik bestehen. Die Amts­zeit der auf die­se Wei­se gewähl­ten Natio­nal­ver­samm­lung und des Prä­si­den­ten der Repu­blik beträgt fünf Jah­re.Quel­le: Micro­soft Word — Verfassung.docx | LINK

Ich den­ke, der Punkt geht wohl an den tür­ki­schen Minis­ter.

Dass er sich in die­sem Bewusst­sein sonn­te und dazu süf­fi­sant grin­s­te, dürf­te auf vie­le Deut­sche pro­vo­zie­rend gewirkt.

Wie auch immer — er konn­te der Redak­ti­on von «Anne Will» die­se Unge­nau­ig­keit, vor­hal­ten. Ich fra­ge mich, wer schon gen­au weiß, wie vie­le es davon in unse­rer ein­sei­ti­gen Bericht­erstat­tung über die Tür­kei gegen­wär­tig noch geben wird?

Das reg­te die Zuschau­er weni­ger auf. Aber, dass der tür­ki­sche Minis­ter abwech­selnd in tür­ki­sch und deut­sch gespro­chen hat, das war ein­fach zu viel für die Inha­ber der Leit­kul­tur.

Auch das wur­de als Pro­vo­ka­ti­on einer deut­schen Öffent­lich­keit aus­ge­legt, deren grund­le­gen­de Pro­ble­me mei­nes Erach­tens weni­ger mit dem aktu­el­len Streit zwi­schen Anka­ra und Ber­lin zu tun hat, als mit der sich bei sol­chen Gele­gen­hei­ten bahn­bre­chen­den nega­ti­ven Ein­stel­lung zu Tür­ken im All­ge­mei­nen zu tun hat.

Aber wer möch­te das zuge­ben? Lie­ber suchen wir die Schuld an der Eska­la­ti­on der letz­ten Zeit auf der ande­ren Sei­te. Und wir schmü­cken es aus mit unse­rem Wis­sen, das wir zu 120% aus deut­schen, öster­rei­chi­schen und schwei­ze­ri­schen Medi­en sam­meln konn­ten. Wir wis­sen gen­au, was fal­sch und was rich­tig ist. Wenns doch alle schrei­ben, wird es wohl auch so sein. Demo­kra­tie und Tür­kei gin­gen eh nie rich­tig zusam­men.

Es hat sich in der Tür­kei sehr viel geän­dert und zwar nicht erst seit dem Putsch. Die Tür­kei ist umge­ben von Staa­ten, die mit gro­ßen Pro­ble­men zu tun haben. Die Desta­bli­sie­rung von Irak und Syri­en ist wohl nur in mäßi­gem Umfang der Tür­kei anzu­las­ten. Dass sie ihre Inter­es­sen in der Regi­on wahr­nimmt, wird ihr mit­un­ter ja eben­falls vor­ge­wor­fen.

Das Land lei­det jeden­falls unter den Fol­gen, was vor allem durch die hohe Zahl von ter­ro­ris­ti­schen Anschlä­gen belegt ist aber auch durch die Zahl von ca. 4 Mil­lio­nen Flücht­lin­ge, die dort auf­ge­nom­men wur­den.

Tür­ki­sche Medi­en, die über das Vor­ha­ben kri­ti­sch berich­ten, gibt es sehr wohl. Dies schreibt heu­te die regie­rungs­kri­ti­sche Zei­tung «Cumhu­riy­et»:

Sie wird nur dazu füh­ren, dass in den west­li­chen Län­dern der Frem­den- und vor allem Islam­hass ange­feu­ert und die Demo­kra­tie­kri­se ver­tieft wird. Auf der ande­ren Sei­te wird in der Tür­kei jeder Anlass genutzt, um den Hass auf den Wes­ten zu schü­ren und damit wei­ter den Boden für die auf­stei­gen­de natio­na­lis­ti­sch-auto­ri­tä­re Poli­tik zu berei­ten. …

Wir durch­le­ben eine gefähr­li­che Peri­ode, in der die Tür­kei mit Hil­fe der Span­nun­gen mit dem Wes­ten Demo­kra­tie und Frei­hei­ten als Pro­duk­te des Wes­tens stig­ma­ti­siert. Es ist unmög­li­ch, nicht besorgt zu sein, dass die Eska­la­ti­on der Span­nun­gen die Grund­pfei­ler der Tür­kei bedroht.“Quel­le: Streit um AKP-Auf­trit­te in Nie­der­lan­den eska­liert | eurotopics.net | LINK

***

Unse­re Regie­rung dele­giert die Ver­ant­wor­tung für die Absa­ge von Auf­trit­ten tür­ki­scher Regie­rungs­mit­glie­der an die Städ­te- und Gemein­de­ebe­ne und ver­kauft das als Nach­weis rechts­staat­li­chen Han­delns. Dabei glaubt jeder gen­au zu wis­sen, dass Mer­kel die Kon­fron­ta­ti­on mit den Tür­ken nur des­halb scheut, weil sie den Tür­kei­de­al nicht gefähr­den möch­te.

Umfra­gen besa­gen, dass 3/4 aller Deut­schen die hie­si­gen Auf­trit­te tür­ki­scher Regie­rungs­mit­glie­der am liebs­ten ver­bo­ten sehen wür­den. Vie­le sind zwar sehr ver­är­gert, aber kei­ner ist mehr über­rascht, dass unse­re Regie­rung sich von sol­chen Umfra­ge­er­geb­nis­sen unbe­ein­druckt zeigt.

In den letz­ten Jah­ren gab es meh­re­re Bei­spie­le.

Energiewende, Eurokrise

Zum einen gibt es die Ener­gie­wen­de, die sehr bald nach dem Fukus­hi­ma — Gau ein­ge­lei­tet wur­de. Und das obwohl sich die Regie­rung rela­tiv kur­ze Zeit zuvor noch deut­li­ch Pro — Atom­ener­gie fest­ge­legt hat­te.

Nach­dem Fukus­hi­ma pas­siert war, konn­te der Kurs­wech­sel unse­rer Regie­rung nicht schnell genug statt­fin­den. Nach­dem wir sehen, wel­che Pro­blem­stel­lun­gen und Kos­ten sich durch die­se Ent­schei­dung ein­stel­len, tun jetzt vie­le so, als sei­en sie immer gegen die Ener­gie­wen­de gewe­sen.

Das mas­si­ve deut­sche Enga­ge­ment in der Euro­kri­se, die die Ver­ge­mein­schaft der Staats­schul­den trotz gegen­tei­li­ger Beteue­run­gen der Deut­schen das Gegen­teil inner­halb der EU ein­ge­lei­tet hat.

Außer­dem gab es nach der anfäng­li­chen Eupho­rie in der Flücht­lings­kri­se eine 180° — Wen­de der mer­kel­schen Poli­tik.

Flüchtlingskrise

Bei der Flücht­lings­kri­se gab es zur Hal­tung Mer­kels — man mag es kaum noch aus­spre­chen — eine Zeit lang gro­ße Zustim­mung, um nicht von Begeis­te­rung zu reden. Erst nach und nach setz­ten sich die kri­ti­schen Posi­tio­nen der Beden­ken­trä­ger durch. Wenn es (neu­er­dings) nach Robin Alex­an­der («Die Getrie­be­nen») geht, war Mer­kels Ent­schei­dung, Flücht­lin­ge unkon­trol­liert ins Land zu las­sen, ein Akt der Feig­heit und nicht der Huma­ni­tät. Das spielt denen die Hän­de, die für Mer­kel spä­tes­tens seit Beginn der Flücht­lings­kri­se nur Hass und Ableh­nung übrig haben.

Ande­ren, zu denen ich mich zäh­le, soll die Illu­si­on genom­men wer­de, Poli­ti­ker könn­ten in Aus­nah­me­fäl­len auch ein­mal dem fol­gen, was man Kate­go­ri­schen Impe­ra­tiv kennt. Aber wie­der — so soll uns das Buch Alex­an­ders bewei­sen — setz­te sich poli­ti­scher Oppor­tu­nis­mus durch. In die­sem die­sem Fall­bei­spiel kul­mi­niert er mit einer ange­sichts der heu­ti­gen Sicht­wei­se auf die­se Din­ge mit bei­spiel­lo­ser Unver­ant­wort­lich­keit. Die Fra­ge schwebt im Raum, ob sich einer vor­stel­len kann, wie Hel­mut Schmidt in die­sem Fall gehan­delt hät­te?

Ich war begeis­tert davon, dass unse­re Kanz­le­rin was Gutes, etwas mensch­li­ches Gro­ßes getan hat. Dafür haben wir uns also seit­dem als Gut­men­schen, Rea­li­täts­ver­wei­ge­rer und als Naiv­lin­ge beschimp­fen las­sen und uns in man­ch erbit­tert geführ­ter Schlacht in den Tie­fen der sozia­len Netz­wer­ke blu­ti­ge Nasen geholt?

Ich glau­be, es war Hen­ryk M. Bro­der, der noch in 2015 (dem Höhe­punkt der Flücht­lings­kri­se) Mer­kels Moti­va­ti­on rich­tig beschrie­ben hat. Er stell­te fest, Mer­kel habe die momen­ta­ne Stim­mung in der Bevöl­ke­rung anti­zi­piert und sie in Poli­tik umge­setzt. Dafür spricht die Art und Wei­se, wie bru­tal und rück­sichts­los gegen­über den schutz­su­chen­den Men­schen sich Mer­kel in 2016, 2017 von die­ser Poli­tik «ver­ab­schie­det» hat.

Nähe zum Volk

Die unter­stell­te Hand­lungs­wei­se Mer­kels wider­spricht aller­dings der Behaup­tung, unse­re Poli­ti­ker hät­ten sich soweit vom «Volk» ent­fernt, dass sie nicht mehr wüss­ten, was wir den­ken.

Die Schwei­zer zum Bei­spiel füh­ren die ver­gleichs­wei­se guten Erfol­ge ihrer Inte­gra­ti­ons­po­li­tik auch dar­auf zurück, dass durch die direk­te Demo­kra­tie eine schnel­le­re Rück­kopp­lung von Stim­mun­gen im Volk in die Ebe­ne der Poli­tik gege­ben wäre.

Rein tech­ni­sch kann ich das nicht so ganz nach­voll­zie­hen, weil die Zahl der Volks­ab­stim­mun­gen mit spe­zi­el­len Fra­ge­stel­lun­gen so hoch ja nicht ist. Aller­dings besit­zen sie zu spe­zi­fi­schen The­men weit­aus mehr Wir­kung als noch so regel­mä­ßi­ge Umfra­gen.

Infografik: Die Mehrheit lehnt Erdogans Wahlkampf ab | Statista Mehr Sta­tis­ti­ken fin­den Sie bei Sta­tis­ta

HS-2
Mei­ne Sor­ge bezüg­li­ch unse­rer Bal­kon­maus war irgend­wie begrün­det. Es brauch­te nur weni­ge Stun­den und die… 
Ich möch­te manch­mal wirk­li­ch rein­schla­gen, wenn Erdo­gan oder sei­ne Minister/innen wie­der einen ihrer immer unter… 

Horst Schulte

Ich blogge seit 2004. Am liebsten schreibe ich über gesellschaftliche und politische Fragen. Aber ab und an gibt es hier auch etwas zum Thema Bloggen, Wordpress und ein paar Fotos.

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