Brexit – Was Wird Mit England? Bleibt Es Bei Großbritannien?

Schöner wär es ja gewesen, die Briten wären weiter in der EU geblieben. Und weil sie diese Möglichkeit verschmäht haben, sind viele der verantwortlichen Politiker in der »Rest-EU« jetzt weniger enttäuscht als verärgert. Das kommt überall zum Ausdruck, allerdings doch ziemlich faktenarm.

Alles, was wir bisher darüber lernen konnten ist nicht sehr substanziell, eher schon spekulativ. Wie heißt es so schön: Prognosen sind schwierig, zumal sie die Zukunft betreffen.

Geschimpft wird hüben wie drüben. Entweder sind es zum Beispiel die Neoliberalen, die Großbritannien jetzt aber mal so richtig im Aufwind sehen. So nach dem Motto: endlich die Fesseln der EU ablegen und richtig in die Vollen gehen. Das gefällt den Jüngern der freien Marktwirtschaft immer noch am besten.

Mit dieser EU ist ja im Moment echt kein Staat zu machen. Die Uneinigkeit ist das dominierende Bild. Da wundert es einen, wenn gleichzeitig Initiativen von unerwarteter Seite entstehen, die der EU zur Ehre gereichen.

Viele Politiker und Funktionäre der verbliebenen EU-Mitglieder geben, wie schon beschrieben, die beleidigte Leberwurst. Ich finde es ärgerlich, wie wenig substanziell die beschriebenen Szenarien für die Zukunft sind. Lieber sollten sie die Klappe halten, als mit halbgaren Behauptungen ihr Mütchen zu kühlen.

Die Tatsache, dass die Briten austreten, gefällt mir als überzeugtem Europäer emotional auch gar und gar nicht. Aber was helfen uns die »Weltuntergangsszenarien« oder die Beschimpfung der Briten?

Et is noch immer jod jejange! 

Die Position Deutschlands wird durch den EU-Austritt in Europa wahrscheinlich noch bedeutender, als sie es schon ist. Die Zeiten der Bonner Republik sind passé, und ich sollte mich damit abgefunden haben, dass die Berliner Republik von einem anderen, viel fordernden Schlage ist. Ich weiß, dass früher ™ nicht alles besser gewesen ist, denke aber trotzdem manchmal wehmütig an die Bonner Zeit zurück. Da konnten wir uns so schön raushalten und die Großen machen lassen…

Inzwischen dürften alle Deutschen verstanden haben, was Politiker (u.a. Gauck) uns gepredigt haben, als sie von unserer Bereitschaft redeten, mehr Verantwortung übernehmen zu sollen. Davon gefällt mir einiges nicht so sehr. Zum Beispiel die andauernden zahlreichen Militäreinsätze im Ausland oder das Verhalten der deutschen Regierung während der heißen Phasen der Eurokrise.

Ohne Großbritannien

Ich kann mir vorstellen, dass die Position der aktuellen deutschen Bundesregierung schwieriger zu halten sein wird, wenn es künftig darum geht, in der EU Haushaltsdisziplin zu verlangen (Griechenland u.a.). Söder hat das gestern bei »Maischberger« mit dem Bild beschrieben, ihm wäre mehr Nordsee lieber als Mittelmeer.

Ein Seitenhieb gegen die finanziell labilen Südländer, die die Nordländer am liebsten dazu verdonnern möchten, die Schulden in ganz anderem Umfang als bisher zu vergemeinschaften. (Wobei – ist das (Zinsen!) nicht längst passiert?)

Großbritannien stand in dieser Beziehung meistens auf der deutschen Seite. Die Franzosen werden diese Lücke nicht schließen wollen. Sie haben ihre eigenen Interessen. Die Briten werden also in diesem Kontext sehr fehlen.

Alle wissen wir, dass die Wirtschaft in Wahrheit die alles dominierende Kraft nicht nur in der EU ist. Der Primat der Politik war längere Zeit mindestens verschüttet. Erst mit den Folgen der Flüchtlingskrise hat sich daran etwas geändert. Von einer positiven Trendumkehr zu reden wäre sicher verfrüht. Aber ich freue mich, dass politisches Bewusstsein längst wieder spürbar ist.

Dass Merkels Regierung ihre offensichtlich nur scheinbar humanen Grundsätze längst mit Füßen tritt und den Nationalisten mit menschenverachtenden Gesetzesänderungen entgegen gekommen ist, ist jedenfalls nicht der Grund für meine Begeisterung für das gewachsene politische Bewusstsein.

Und doch. Das politische Bewusstsein ist in diesen Zeiten wieder gewachsen. Das ist schon allein deshalb positiv, weil damit der Einfluss der Wirtschaft zumindest temporär abgenommen hat.

Ich hoffe, dass auch das jüngste Beispiel dieser Entwicklung »Pulse of Europe« für das politische Engagement in der Bevölkerung eine ganze Weile erhalten bleibt.

Wie Pressekampagnen funktionieren kann man in Großbritannien gut sehen. Die Daily Mail hat gelogen und betrogen und führt sich nun immer noch so auf, als gäbe es all die vielen Zweifler auf der Insel überhaupt nicht.

Aktuell berichtet sie, dass Cameron seine Zweifel am Brexit aufgegeben und bekannt habe, dass er die EU auch nie gemocht hätte. Es ist eines dieser Boulevardblätter bzw. Revolverblätter, von denen wir hier zum Glück nicht so viele haben. Allen Behauptungen der deutschen Rechten mit ihren »Lügenpresse«-Vorwürfen zum Trotze.

Leider haben die Schreihälse von der Daily Mail aber recht, wenn sie folgendes von sich geben:

Und dann ist da noch unser Ass im Ärmel: Die Tatsache, dass unsere Partner, insbesondere Deutschland, weit mehr an uns verkaufen als wir an sie. Daher brauchen sie uns mehr als wir sie.Quelle: Der Brexit-Poker beginnt | eurotopics.net | LINK

Genauso ist das nämlich. Das ist nun mal so konkret, dass wirklich niemand – schon gar nicht die deutsche Regierung – an dieser Tatsache vorbeikommt. Die Herren aus den Führungsetagen der deutschen Wirtschaft werden Merkel schon in die Richtung bugsieren, die ihnen passt!

Was die Führung der EU von Personenfreizügigkeit und anderen Werten der EU redet, interessiert in Berlin hinter geschlossenen Türen keinen. Die Rosinenpickerei der Briten dürfte auch nach dem Brexit unter diesen Voraussetzungen also weitergehen.

Wie unterschiedlich man all das sehen kann, lässt sich wunderbar an diesen Stimmen sehen, die ich hier mal für Sie verlinkt habe:

  • Mögliche Folgen des Brexit | bpb | Quelle
  • Der Brexit-Poker beginnt | eurotopics.net | Quelle

Horst Schulte

Ich bin Horst Schulte und blogge seit 2004. Am liebsten schreibe ich über gesellschaftliche und politische Fragen. Aber ab und an gibt es hier auch etwas zum Thema Bloggen, Wordpress und ein paar Fotos.

Meine ersten Gehversuche als Blogger machte ich mit den Blogs finger.zeig.net, später mit querblog.de und noch etwas später mit netzexil.de

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