Welcher Irre Setzt „Frühstück Bei Tiffanys“ Auf Den Index?

Ich habe gele­sen, dass „Die Anstalt“ mit sin­ken­den Zuschau­er­quo­ten kon­fron­tiert ist.

Den Fans der Sen­dung wird nach­ge­sagt, dass sie den Bot­schaf­ten mehr Ver­trau­en als den Nach­rich­ten­sen­dun­gen des öffent­lich-recht­li­chen Fern­se­hens. Selbst wenn die Bedeu­tung die­ser nor­ma­ler­wei­se um 22:15 Uhr im ZDF aus­ge­strahl­ten Sati­re-Sen­dung bzw. Kaba­rett-Show zuletzt etwas gelit­ten haben soll­te, die­ses Phä­no­men ist doch inter­es­sant.

Wie schaf­fen es Max Uthoff und Claus von Wag­ner ihren Zuschau­ern das Gefühl zu ver­mit­teln, dass die dort prä­sen­tier­te Sicht auf Deutsch­land und die Welt näher an der Wahr­heit liegt als die „eigent­li­chen Nach­rich­ten“?

Ist es viel­leicht doch nicht so, dass die öffent­lich-recht­li­chen Sen­der mehr Mei­nung als Nach­rich­ten „ver­kau­fen“? Ist Bericht­erstat­tung an sich viel­leicht poin­tier­ten und poli­ti­schen eher ein­sei­ti­gen Vor­trä­gen unter­le­gen? Oder anders gefragt: ste­hen wir nicht sogar auf Fake News?

Kürz­lich refe­rier­te ZDF-Mann Claus Kle­ber in der Talk­show „May­brit Ill­ner“ über die Bedeu­tung der „Atlan­tik-Brü­cke“. Kle­ber bezeich­ne­te sie als „ehren­wer­te Gesell­schaft“ und sich als Kar­tei­lei­che. Aber das Her­un­ter­spie­len sei­ner eige­nen Rol­le und die der „ehren­wer­ten Gesell­schaft“ neh­men ihm aus­ge­mach­te Fans der „Anstalt“ nicht ab. Zuge­ge­ben: vie­le ande­re auch nicht!

So ein biss­chen Ver­schwö­rungs­theo­rie kann den Blut­druck ja auch ganz schön anre­gen. Das machen sich nicht nur Kaba­ret­tis­ten zunut­ze, son­dern, weil jeder erfolg­reich sein möch­te, auch eine Men­ge Jour­na­lis­ten und Blog­ger.

500 Jah­re Luther haben auch den Katho­li­ken einen frei­en Tag beschert. Die­ses Event scheint Luther nicht allen Men­schen näher­ge­bracht zu haben. Und einer unse­rer größ­ten Mora­lis­ten, Jan Böh­mer­mann, hat es sich ange­sichts der media­len Auf­merk­sam­keit des Fest­ak­tes nicht ver­sa­gen kön­nen, sei­ne Sicht der Din­ge dar­zu­le­gen. Er kommt nicht ganz auf das Niveau des Blog­gers, der mit gericht­li­cher Zustim­mung vor eini­gen Jah­ren Katho­li­ken als „Kin­der­fi­cker­sek­te“ bezeich­net hat. Aber nahe dran war sei­ne Dar­bie­tung.

Man soll ja nicht glau­ben, wie weit gewis­se Vor­stel­lun­gen, etwa die der poli­ti­cal cor­rect­ness des 21. Jahr­hun­derts von mora­li­schen Prin­zi­pi­en oder all­ge­mei­nen Ansich­ten der Men­schen ent­fernt lie­gen, die im enden­den Mit­tel­al­ter leb­ten. Also Men­schen wie Mar­tin Luther bei­spiels­wei­se.

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Das macht uns Jan Böh­mer­mann dan­kens­wer­ter­wei­se mit sei­ner Sen­dung mal so rich­tig bewusst.

Ich unter­stel­le, dass die Zita­te authen­tisch sind und bin davon über­zeugt, dass die aller­meis­ten Men­schen die Sät­ze, auch wenn sie – wie das immer so ist – aus dem Kon­text geris­sen sein könn­ten, für ziem­lich abscheu­lich hal­ten.

Es mag vie­len unglaub­lich schei­nen, aber vor 500 Jah­ren hat­ten Men­schen, selbst wel­che mit Dok­tor-Titeln, nicht sel­ten eigen­ar­ti­ge Ansich­ten.

Jetzt brau­chen wir Men­schen aber gar nicht so lan­ge in unse­rer Geschich­te zu kra­men, um auf Wor­te und Ansich­ten zu sto­ßen, die wir aus unse­rer heu­ti­gen auf­ge­klär­ten Sicht unglaub­lich bru­tal und falsch fin­den. Die schlimms­ten „Krie­ger“ fan­den in unse­ren Geschichts­bü­chern Wür­di­gun­gen, die wir aus heu­ti­ger Sicht jeden­falls bei nähe­rer Betrach­tung des gesam­ten Lebens­werks mit Kopf­schüt­teln quit­tie­ren wür­den. Vor­aus­ge­setzt, wir inter­es­sie­ren uns ein wenig für Geschich­te.

Ich habe davon gehört, dass in den USA berühm­te Hol­ly­wood-Pro­duk­tio­nen aus frü­he­ren Jahr­zehn­ten nicht in Kinos und im TV mehr gespielt wer­den. Das Süd­staa­ten­epos „Vom Win­de ver­weht“ ist eine davon. Deut­sche Jour­na­lis­ten beeil­ten sich, Zustim­mung bzw. Ver­ständ­nis zu signa­li­sie­ren.

Aber es gibt noch eine Rei­he wei­te­rer Wer­ke, die dort heu­te so kri­tisch gese­hen wer­den.  Auch hier gibt es sol­che Ver­bo­te -wenn auch aus etwas ande­ren Grün­den.

Dass zu die­ser geschmäh­ten Art Fil­me auch „Früh­stück bei Tif­fa­nys“ mit Audrey Hepburn und Geor­ge Pepp­ard zäh­len soll kann man auf Anhieb gar nicht nach­voll­zie­hen. Der Blick der „Exper­ten“ öff­net unse­ren Hori­zont:

Wegen des von Mickey Roo­ney mit getap­ten Augen­lie­dern, Hasen­zäh­nen und einem über­zo­ge­nen Akzent gespiel­ten Cha­rak­ter eines Japa­ners for­dern Akti­vis­ten regel­mäs­sig, den Strei­fen von der Lis­te der Klas­si­ker zu kip­pen. Erfolg­los – in der AMC-Auf­lis­tung «50 Grea­test Roman­tic Movies» ran­giert er auf Rang 7. Die anhal­ten­den Dis­kus­sio­nen aber war­fen einen klei­nen Schat­ten über Roo­neys lan­ge, erfolg­rei­che Film­kar­rie­re.Quel­le: Jetzt kommt die Film­zen­sur – News Kul­tur: Film – bazonline.ch |
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Dar­an, dass wir in Deutsch­land neu­er­dings anhand einer höchst­rich­ter­li­cher Ent­schei­dung nicht mehr nur zwei, son­dern drei offi­zi­el­le Geschlech­ter ken­nen, ist für vie­le irri­tie­rend. Nicht nur für die, die poli­ti­cal cor­rect­ness auf den Müll­hau­fen der Geschich­te beför­dern wol­len. Wie über­wäl­ti­gend muss es ins­be­son­de­re für die­se Men­schen erst sein, wenn an hohen Fei­er­ta­gen auf bestimm­te alte Fil­me im TV ver­zich­tet wer­den muss? Am Ende wird uns in 10 Jah­ren das Sis­sy-Gucken ver­miest, weil der Film das öster­rei­chi­sche K&K-Régime ver­klärt.

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Wir Deut­sche ken­nen sowas natür­lich schon lan­ge. Hier regen sich vie­le Leu­te dar­über nicht auf, weil die Fil­me, um die es dabei gehen könn­te, halt Nazi-Fil­me waren. Ich habe das immer für falsch gehal­ten. Wenn Bücher­ver­bren­nun­gen falsch waren, dann ist auch falsch, Bücher und Fil­me der Öffent­lich­keit vor­zu­ent­hal­ten.

Den Jugend­schutz neh­me ich von mei­ner Kri­tik aller­dings voll­um­fäng­lich aus. Er muss sein.

Erwach­se­ne Men­schen, alle­mal in Demo­kra­ti­en, freie Bür­ge­rin­nen und Bür­ger besit­zen das Recht, jedes Buch, des­sen sie hab­haft wer­den kön­nen, zu lesen. Für Fil­me gilt das nicht weni­ger. Lei­der ist mir bewusst, dass vie­le Ange­bo­te einer selek­ti­ven Vor­auswahl unter­lie­gen.

Die aktu­el­len Dis­kus­sio­nen über die Bewer­tung von Tex­ten, die vor lan­ger Zeit ent­stan­den ist, macht mir das schmerz­lich bewusst.

Wohin führt es, wenn wir Luthers Aus­sa­gen über Juden und Frau­en (Böh­mer­mann) mit unse­ren heu­ti­gen Maß­stä­ben und poli­tisch kor­rek­ten Vor­stel­lun­gen beur­teil­ten? Müss­ten die evan­ge­li­schen Gläu­bi­gen damit zu rech­nen, als Glau­bens­ge­mein­schaft ver­bo­ten zu wer­den, weil sich der Reli­gi­ons-Stif­ter vor 500  Jah­ren anti­se­mi­tisch und frau­en­feind­lich äußer­te? Ist sowas in Zei­ten einer ohne­hin gegen die Kir­chen kri­tisch ein­ge­stell­ten Öffent­lich­keit denk­bar?

Anders gefragt: Wie alt muss ein Zitat eigent­lich sein und wie groß das Anse­hen sei­nes Urhe­bers, damit eine Gesell­schaft über his­to­risch doku­men­tier­te Ver­stö­ße die künst­lich hoch­ge­züch­te­te poli­ti­cal cor­rect­ness unse­rer moder­nen Welt hin­weg­schaut?

Horst Schulte

2004 bin ich (63) unter die Blogger gegangen. Ich schreibe über alle möglichen Themen. Politik, Medien und Gesellschaft dominieren dabei.

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